Der Gedanke, dass der Kampf gegen die Erderwärmung auch im Ernährungsbereich geführt werden muss, sei lange Zeit vernachlässigt worden, sagt Hartmut König, Ernährungsreferent bei der Verbraucherzentrale Hessen. Doch im Zuge der weltweiten Klimadiskussion wachse nicht nur der Wunsch nach spritsparenden Autos und Energiesparlampen, sondern auch nach klimafreundlichem Essen.
So auch in Schweden, wo neuerdings genaue CO2-Angaben auf bestimmten Lebensmitteln prangen. In Österreich, Frankreich, Großbritannien und auf EU-Ebene existieren ähnliche Initiativen. Hierzulande gibt es bislang nur Pilotprojekte und wenig bekannte Einzelinitiativen wie das "Stop Climate Change"-Siegel auf Bio-Bananen und Bio-Bratwürsten. "Wir hinken hinterher", bedauert Jürgen Knirsch von Greenpeace.
Der Konsumexperte findet, dass der Verbraucher einen Überblick bekommen sollte, wieviel CO2 für ein bestimmtes Produkt vom Feld bis zum Supermarkt verbraucht wurde. Doch das ist nicht so einfach. Den CO2-Aufwand für alle Lebensmittel zu berechnen, sei "wahnsinnig kompliziert", sagt Martin Rücker, Sprecher der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch. Er verweist auf unterschiedliche Bedingungen der Herstellung und auf Fertigprodukte, die sich aus verschiedenen Lebensmitteln zusammensetzen. "Wir sind skeptisch, ob eine solche Kennzeichnung seriös und transparent gelingen kann."
Auch Verbraucherschützer König sieht derzeit keine Vergleichbarkeit solcher Angaben. Er befürchtet auch, dass ein C02-Aufdruck in die Irre führen kann, da er andere Aspekte wie fairen Handel oder eine artgerechte Tierhaltung außer acht lässt. "Mit Blick auf den CO2-Ausstoß könnte unter Umständen ein Ei aus Käfighaltung besser abschneiden", sagt er.
Auch für den Greenpeace-Experten Knirsch kann eine CO2-Kennzeichnung nur ein Zwischenschritt zu einem umfassenderen ökologischen Fußabdruck sein. "Aber es ist ein Anfang, um die Klimafreundlichkeit von Produkten deutlich zu machen", argumentiert er.
Verbraucherschützer hingegen fordern eine bessere Aufklärung über nachhaltige Ernährung. Weg von Fleisch und Milchprodukten, hin zu Obst und Gemüse, lautet eine Devise. Vor allem die Rinderhaltung gilt als Klimakiller - wegen des flächen- und düngemittelintensiven Futtermittel-Anbaus und des Methans, das die die Tiere produzieren und das 23 Mal klimaschädlicher ist als Kohlendioxid.
Auch wer Bioprodukte kauft, ernährt sich nicht automatisch klimaschonend. Laut einer Foodwatch-Studie schneidet die ökologische Landwirtschaft beim Klimaschutz zwar insgesamt besser ab, nicht jedoch in der Milch- und Rindfleischproduktion. Auch das Bio-Siegel enthält keine Kriterien hinsichtlich des Ausstoßes von Treibhausgasen.
Foodwatch zufolge sind die besten Klimaschützer diejenigen, die auf Fleisch und Milchprodukte verzichten. Der von ihnen durch den Verzehr konventioneller landwirtschaftlicher Produkte verursachte Ausstoß von Treibhausgasen entspreche pro Jahr einer Autostrecke von 629 Kilometern - verglichen mit 4.758 Kilometern bei Allesessern.
Klimabilanzen von Lebensmitteln sind nach Meinung von Verbraucherschützern zwar sinnvoll - aber für Entscheidungsträger in Land- und Lebensmittelwirtschaft und dem Handel, die etwas fürs Klima tun und zugleich ihre Kosten senken könnten. Auch Foodwatch-Sprecher Rücker findet es falsch, den Klimaschutz im Lebensmittelbereich mittels CO2-Kennzeichnungen beim Verbraucher abzuladen. Die Landwirtschaft müsse endlich Teil der Klimapolitik werden, fordert er. (aw.yoopress)




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