Mitte November veröffentlichte Nordrhein-Westfalen eine Studie, wonach fast alle Hähnchen aus Mastbetrieben Antibiotika bekommen, und zwar zum Wachstums- oder Gesundheitsdoping, wie NRW-Verbraucherschutzminister Johannes Remmel von den Grünen sagte. Ende November kam Niedersachsen zu ähnlichen Ergebnissen bei der Aufzucht von Kälbern und Schweinen.
Bundesministerin Ilse Aigner (CSU) reagierte im Januar mit der Ankündigung, das Arzeimittelgesetz zu ändern und den Einsatz der Medikamente stark zu begrenzen. Mal wieder zu spät, monierten Opposition und Verbraucherschützer: Das Problem sei seit Jahren bekannt.
Und nicht radikal genug: Die Tiermast müsse binnen zehn Jahren komplett ohne den Einsatz von Antibiotika auskommen, verlangte der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv), Gerd Billen. Diese Maximalforderung wiesen Aigner und der Bauernverband zurück. Kranken und leidenden Tieren, übrigens auch Haustieren wie Katzen und Goldhamstern, könne nicht die Behandlung verweigert werden, argumentieren sie.
Aigner setzt in ihrem Gesetzentwurf vor allem auf schärfere Vorschriften, wann ein Tierarzt was wie oft und in welcher Menge verschreiben darf, auf strengere Kontrollen - und auf damit steigende Kosten für den Einsatz von Antibiotika, für sie einer der wirkungsvollsten Hebel, den Gebrauch der Medikamente zu begrenzen. Über die Änderung des Arzneimittelgesetzes will sie langfristig auch die Tierhaltung verbessern, sagt sie. Auf der Grünen Woche will Aigner zudem eine "Charta für Landwirtschaft und Verbraucher" vorstellen: Schwerpunkt sei die Förderung tiergerechter Haltungsverfahren, kündigte sie an.
Doch angekündigt hat die Ministerin schon vieles. Die Opposition kritisiert stets, dass vieles dann gar nicht umgesetzt wird. Auch das neue Arzneimittelgesetz zur Einschränkung von Antibiotika hat noch einen langen Weg vor sich: Schärfer kontrollieren müssen die Tierärzte und Mastbetriebe nämlich die Länder, die damit auch die Kosten zu tragen haben. Sie müssen dem Gesetz im Bundesrat zustimmen. Schon die von den Verbraucherministern bereits beschlossene Einführung der Hygieneampel für Restaurants kam bisher nicht zustande, weil die Länder die Kosten für zusätzliche Kontrolleure scheuen.
Die Tierhalter selbst dringen bei den Lebensmittelskandalen selten durch mit ihrer Position. "Pure Angstmache" sei die jüngst vom Umweltverband BUND veröffentlichte Hähnchenfleisch-Stichprobe, wonach jede zweite mit antibiotikaresistenten Keimen belastet war, erklärte etwa der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft. Doch Absatz- und Gewinnenbrüche sind meist recht schnell überwunden: Der Verbraucher vergisst schnell.
Der Anteil am Umsatz der Bio-Produkte im Lebensmitteleinzelhandel lag laut den neusten Zahlen des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft 2009 bei gerade einmal 3,4 Prozent. Die meisten greifen eben doch nach ein paar Tagen oder Wochen wieder zum Hähnchen für 3,49 Euro. (m.lorenzen - red.yoopress)




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