Was genau sich am Sonntagabend im Berliner Stadtteil Spandau abspielte, war zunächst unklar. Sicher ist nur, dass Passanten das zitternde und sich übergebende Kind auf einem Gehweg auflasen. Zwei Promille wurden später im Blut gemessen. Erst am Montagmittag konnten die Intensivmediziner Entwarnung geben.
Nun versucht die Polizei die Frage zu klären, die ganz Deutschland beschäftigt: Wie kommt ein Siebenjähriger an so viel Alkohol? Ersten Erkenntnissen zufolge drehten bislang nicht identifizierte Jugendliche dem Siebenjährigen und seinem zwei Jahre älteren Bruder den Alkohol auf einem Spielplatz an. Nun wird wegen gefährlicher Körperverletzung gegen Unbekannt ermittelt. Die Familie der Jungen ist dem Jugendamt zwar bekannt, Hinweise auf Versäumnisse der Eltern gibt es aber nicht.
Der Soziologe Klaus Hurrelmann ruft dazu auf, den Fall des Jungen ernst zu nehmen, aber nicht zu verallgemeinern. Man könne nicht sagen, dass Alkoholmissbrauch immer früher beginne, sagt der an der Hertie School of Governance in Berlin lehrende Professor.
Auch Ulrike Friedrich hat noch nie mit einem volltrunkenen Siebenjährigen zu tun gehabt. "Ein Normalfall ist das zum Glück nicht", sagt die die Sozialpädagogin, die als Mitarbeiterin des Caritas-Projektes NachHaLT in Berlin jedes Wochenende Jugendliche besucht, die mit Alkoholvergiftung im Krankenhaus liegen. 13 Jahre alte Mädchen und 15-jährige Jungen sehe sie hingegen oft. "Alkoholvergiftungen bei Jugendlichen nehmen zu", stellt Friedrich fest.
Eine Studie der Techniker Krankenkasse vom Frühjahr gibt ihr Recht. Demnach landen immer mehr Kinder und Jugendliche nach Alkoholexzessen im Krankenhaus. Allein in Hamburg seien im vergangenen Jahr 1765 Minderjährige mit der Diagnose "psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol" in Kliniken eingeliefert worden - 174 mehr als im Jahr zuvor. Hochgerechnet auf das gesamte Bundesgebiet sind das fast 20.000 alkoholbedingte Krankenhausaufenthalte von Minderjährigen pro Jahr. Damit steht das sogenannte Komasaufen auf der Liste der häufigsten Ursachen für Klinikaufenthalte bei Kindern und Jugendlichen auf Platz 15.
"Es geht in vielen Cliquen nicht darum, gemütlich in der Runde etwas zu trinken, sondern sich zu betrinken", sagt Friedrich, die sich am Krankenhausbett Zeit nimmt, um den Jugendlichen zuzuhören. Statt zu Bier und Wein werde oft gleich zum Wodka gegriffen. Dabei hätten Mädchen aufgeholt: "Sie orientieren sich an den älteren Jungs, vertragen aber weit weniger", weiß Friedrich und räumt zugleich mit einem anderen Vorurteil auf. Zu den so genannten Komasäufern zählten nicht nur Jugendliche aus sozial schwächeren Familien. "Das ist kein Unterschichtsproblem", sagt sie.
Hurrelmann wundert es nicht, dass viele Gymnasiasten mit guten Zeugnissen bei Alkoholexzessen mitmischen. Studien deuteten daraufhin, dass hoher Leistungsdruck beim Kampftrinken eine Rolle spiele.
Auch wenn die Mehrheit junger Leute Studien zufolge verantwortungsvoll mit Alkohol umgeht - Hurrelmann rät, Fälle wie den des Siebenjährigen oder des 16-Jährigen, der nach einem Tequila-Wettrinken in einer Berliner Kneipe starb, unbedingt ernst zu nehmen. "Es zeigt sich, dass unserer Einstellung zum Alkohol zu offen, zu libertär ist", sagt der Soziologe. Einerseits sei Aufklärung wichtig, etwa im Elternhaus oder in der Schule. Doch auch über nächtliche Alkoholverkaufsverbote an Tankstellen, höhere Alkoholsteuern und weitere Werbeeinschränkungen müsse nachgedacht werden. (aw.yoopress)




Hits: 876
Als Email versenden
Lesezeichen setzen

