Auf diese doppelte Premiere angesprochen zuckt Caspar nur mit den Schultern. "Beim Konzern Michelin, der ja in erster Linie Reifen herstellt, ist das Management weltweit international", sagt sie. Es sei also überhaupt nicht ungewöhnlich, dass jemand aus dem Ausland die Leitung der französischen Ausgabe des Gourmet-Führers übernehme. Und nein, ein Stirnrunzeln über den Neuankömmling aus dem Nachbarland Deutschland, das nicht gerade den Ruf der Gourmet-Nation genießt, habe es hier in Paris nicht gegeben: "Der Empfang war sehr freundlich."
Interviews gab Caspar in ihrem ersten Jahr in Frankreich keine - um sich besser auf die neuen Aufgaben konzentrieren zu können, wie es heißt. Und vielleicht auch, weil ein bisschen Versteckspielen dazu gehört im Metier des Testers, in dem Anonymität alles ist. Fotos von sich will sie deshalb keine gedruckt sehen.
Anfang März erschien die erste Ausgabe des französischen Guide Michelin unter ihrer Ägide, seitdem gibt sie auch Interviews. Auf radikale Neuerungen bei der seit 110 Jahren erscheinenden Pflichtlektüre für Feinschmecker hat sie verzichtet. "Meine Aufgabe als Chefredakteurin ist es nicht, den Guide Michelin umzukrempeln, sondern die beste Auswahl an Adressen für unsere Leser zu garantieren."
Auch ihr Leben musste Caspar nicht umkrempeln, als sie vom gemütlichen Karlsruhe, wo die Redaktion des deutschen Guide Michelin ihren Sitz hat, in die hektische Millionenstadt Paris wechselte. "Ich fühle mich sehr wohl hier", sagt Caspar. "Anfangs musste ich mich aber daran gewöhnen, dass hier wegen der Größe der Stadt alles länger dauert. Wenn ich bei jemandem auf einen Sprung vorbeischauen will, dann dauert allein die Hinfahrt eine dreiviertel Stunde." Doch für sie als Gastrokritikerin sei Paris "ein Traum". "Hier gibt es so viele Restaurants, da kann ich auch an einem normalen Bürotag mittags und abends ein Testessen einschieben." Ihre 200 Restaurants im Jahr dürfte Caspar deshalb auch in Zukunft schaffen. (aw.yoopress)




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