Wer heute schwärmt, Lena Meyer-Landrut verkörpere ein neues, frisches Deutschland, sollte sich an die Wirkung Beckenbauers erinnern. Der am 11. September 1945 im Münchner Arbeiterviertel Giesing geborene Sohn eines Postbeamten und einer Hausfrau prägte nach seinem Debüt in der Bundesliga und in der Fußball-Nationalmannschaft mit seiner Lässigkeit einen ganz neuen Stil.
Otto Rehhagel erinnerte sich später, wie er als Spieler von Hertha BSC den jungen Münchner auf dem Berliner Kurfürstendamm sah. "Beckenbauer ragte heraus. Die Eleganz seiner Bewegung, wunderbar, südländisch fast." Anfang der 70er Jahre notierten Beobachter, dass sich deutsche Männer bemühten, so elegant wie Beckenbauer zu gehen - kein Wunder, dass der Libero des FC Bayern, geschickt gelenkt von seinem 2002 verstorbenen Manager Robert Schwan, schon als junger Mann zum Werbestar wurde.
Doch den vielen Sympathien und der beispiellosen sportlichen Erfolgsliste steht auch eine Rolle Beckenbauers als Reizfigur gegenüber. Vor allem am Ende seiner erfolgreichen Zeit bei Bayern München 1977 bekam Beckenbauer dies zu spüren, als er recht kühl zu Cosmos New York verabschiedet wurde.
Bei Beckenbauer kam zum Ende der damaligen goldenen Epoche des FC Bayern hinzu, dass er trotz seiner Ehe mit Brigitte, mit der er zwei Söhne hat und die sein erstes uneheliches Kind adoptierte, mit der Fotografin Diane Sandmann "wild" zusammen lebte. Der Aufschrei war groß, Hellmuth Karasek schrieb im "Spiegel": "Seit Heinrich IV. in Canossa sich seine bloßen Füße im Schnee wundstand, Ludwig II. im Starnberger See umnachtet baden ging und Wilhelm II. im holländischen Exil Bäume zersägte, ist keine Majestät im Bewusstsein der Nation so tief gesunken wie Kaiser Franz."
Doch Beckenbauer schaffte in den USA die Wende. Nicht nur, dass er seine Steuerschulden mit den damals sagenhaften sieben Millionen Mark für einen Dreijahresvertrag locker ausgleichen konnte. Er genoss auch die unkomplizierte Lebensweise in New York, wo er von Künstlern umgarnt wurde. Beckenbauers Fazit 1977: "Jo mei, i bin jetzt a Ami."
Seine im Ausspruch "schau'n mer mal" legendär gewordene Offenheit - Spötter sagen Wendigkeit - half Beckenbauer auch später. So ließ er sich als Nationalmannschafts-Teamchef von Kritik nicht beirren und trat erst nach dem Weltmeistertitel 1990 ab. Dass er es mit unermüdlichem Reise-Einsatz rund um den Globus schaffte, die WM 2006 nach Deutschland zu holen und so einen großen Anteil am "Sommermärchen" hatte, war das Sahnehäubchen.
Durch die Heirat mit seiner dritten Frau Heidi Burmester während der damaligen WM sorgte Beckenbauer auch für sein privates Highlight. Was damals kaum jemand ahnte: Die Hochzeit mit der früheren FC-Bayern-Sekretärin, die noch während Beckenbauers zweiter Ehe vom "Kaiser" im Jahr 2000 Sohn Joel bekam und 2003 Tochter Francesca gebar, läutete den Rückzug Beckenbauers ins Privatleben ein. Beim FC Bayern hat er sich als Ehrenpräsident aus dem Tagesgeschäft verabschiedet, beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) ist er nur noch "Vertreter für internationale Aufgaben".
Wie der in Tirol lebende Beckenbauer nun im Bayerischen Fernsehen sagte, empfindet er das Recht darauf, weniger zu tun. "Ich habe eine Familie mit zwei Kindern, die ich nicht versäumen möchte." Keine Frage: Mehr als das Erreichte könnte Beckenbauer im Fußball ohnehin nicht schaffen. (red.yoopress)




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