Der Anfang vom Ende des Kommunismus - Solidarnosc wird 30

Sonntag, 29. August 2010 | 16:43 Uhr | AFP-RED.YOOPRESS | POLITIK
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Vor 30 Jahren entstand in Polen die Gewerkschaft Solidarnosc (Foto: Sławek)

POLEN (Warschau) - "Zwischen den Behörden und dem Streikkomitee ist am Sonntag eine Einigung erzielt worden", heißt es am 31. August 1980 in einer Eilmeldung. Dies habe Streikführer Lech Walesa von der Danziger Lenin-Werft mitgeteilt. Die Einigung, von der die Rede ist, führt zur Gründung der ersten unabhängigen Gewerkschaft im kommunistischen Ostblock: Solidarnosc (Solidarität). Die Ereignisse vom Sommer 1980 sind eine Sensation. Aber dass sie den Untergang des Kommunismus in ganz Europa einläuten, ahnt zunächst niemand.

Der Anfang vom Ende dauerte zwei Wochen. Am 14. August 1980 treten die Werftarbeiter in den Streik, um gegen Preisanstiege zu demonstrieren. Der oppositionelle Elektriker Walesa wird Anführer der Streikenden, und der Protest weitet sich auf die gesamte Ostseeküste aus. Es kursieren Gerüchte, wonach russische Panzer auf Danzig zurollen. Doch niemand sieht sie.

Am 21. August beginnen Regierungsvertreter Verhandlungen mit den Streikenden, die das Recht zur Gründung einer unabhängigen Gewerkschaft fordern. Die Streiks weiten sich von Norden nach Süden aus: Seit dem 27. August wird auch in der Kohlebergbauregion Schlesien gestreikt.

Tag und Nacht versammeln sich Sympathisanten vor dem Danziger Werfttor und bringen den Streikenden Essen, Getränke und Blumen. Die Verhandlungen werden mehrmals unterbrochen, dann schließlich am 31. August die Sensation: Die kommunistische Regierung erlaubt den Streikenden die Gründung einer unabhängigen Gewerkschaft, akzeptiert das Streikrecht, verspricht Einschränkungen der Zensur, Lohnerhöhungen sowie die wöchentliche Übertragung der Sonntagsmesse im staatlichen Radio und Fernsehen. Auch die Freilassung politischer Gefangener wird zugelassen.

Im Oktober 1980 wird Solidarnosc offiziell anerkannt. Der polnischstämmige Papst Johannes Paul II., der sich immer wieder für Demokratie in seiner Heimat stark macht, gibt Walesa im Januar 1981 eine Audienz. Solidarnosc entwickelt sich zu einer Massenbewegung, die bald zehn Millionen Mitglieder zählt. Das ist dem Regime zu viel: Am 13. Dezember 1981 verhängt Staats- und Parteichef General Wojciech Jaruzelski das Kriegsrecht. Die Solidarnosc-Führung wird inhaftiert, die Bewegung muss im Untergrund weiter kämpfen. Walesa kommt im November 1982 frei, knapp ein Jahr später wird der ehemalige Werftarbeiter mit dem Friedensnobelpreis geehrt.

Im August 1988 beginnt eine neue Streikwelle im Land, angeführt von Solidarnosc. Im Februar 1989 willigt das geschwächte Jaruzelski-Regime in Gespräche mit der Opposition ein. Der Runde Tisch führt zu teilweise freien Wahlen am 4. Juni 1989. Solidarnosc gewinnt alle Sitze, die ihr zugestanden werden. Die Kommunisten wechseln in die Opposition. Der katholische Intellektuelle Tadeusz Mazowiecki wird der erste nicht-kommunistische Ministerpräsident innerhalb des Ostblocks. Am 9. November fällt die Berliner Mauer.

Walesa wird 1990 der erste demokratisch gewählte Präsident Polens seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Fünf Jahre später wird er abgewählt, doch er bleibt international ein viel geachteter Mann und setzt sich bis heute für politische Ziele ein. "Wir haben immer noch Strukturen, die von früher übrig sind und die an die heutige Zeit angepasst werden müssen", sagt der 66-Jährige bei einem Gespräch in seinem Danziger Büro. Als Beispiele nennt er die NATO und den Nationalstaat.

"Solidarnosc hat die Epoche der Spaltungen beendet und die Bedigungen für die Einheit Deutschlands und Europas geschaffen", sagt Walesa. Heute zählt seine frühere Gewerkschaft nur noch 700.000 Mitglieder. Mit dieser Solidarnosc identifiziere er sich nicht mehr, sagt er. Geärgert hat Walesa, dass die Solidarnosc bei der Präsidentschaftswahl im Juni und Juli den Rechtskonservativen Jaroslaw Kaczynski unterstützte. An den Feiern zum 30. Jahrestag der Solidarnosc-Entstehung will Walesa nicht teilnehmen. Zum 50. Jahrestag 2030 werde er aber dabei sein, sagt er. (afp-red.yoopress)

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