Professor Walter Gora ist ungehalten: "Warum reden wir nicht endlich mal über den Nutzen?", fragt der Wissenschaftler vom Berliner "Institute of Electronic Business" am Dienstagabend bei einer Veranstaltung des Technikjournalistenverbands TELI in Berlin. Seit Anfang 2008 haben das Bundesinnenministerium (BMI), das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) und verschiedene Forschungsinstitute intensiv an dem mit einem verschlüsselten Chip ausgestatteten Ausweis gearbeitet. Gora schwärmt von den Möglichkeiten der sogenannten elektronischen Identifikation (eID) bei der Eröffnung von Bankkonten. Wer zusätzlich eine elektronische Signatur auf den Ausweis lade, könne sogar Versicherungen künftig online rechtsverbindlich abschließen.
Für den Bürger bedeute der Einsatz des neuen Ausweises im Internet zusätzliche Sicherheit, da er jede Datenfreigabe persönlich mit seiner PIN erlauben müsse, sagt Andreas Reisen, Referatsleiter für Pass- und Ausweiswesen beim BMI, bei der Diskussion. Der auf dem Ausweis befindliche Chip sei auch in den kommenden zehn Jahren unknackbar, fügt er unter Verweis auf Studien von Kryptographie-Experten hinzu. "Wir haben einen fälschungssicheren Ausweis und den haben wir auch nach dem 1. November noch."
Eines räumte jedoch auch Reisen ein: Was die Sicherheit der Computer in den Privathaushalten angehe, bestehe ein "Restrisiko". Vor einigen Wochen hatte der Chaos Computer Club (CCC) in einem Test nachgewiesen, dass sich die sechsstellige PIN bei einer Eingabe über die Computertastatur bei einem mit Viren oder einem Trojaner infizierten Rechner mitlesen und somit missbrauchen ließe. Auch die für die Nutzung einer elektronischen Signatur empfohlenen Luxus-Lesegeräte mit eigener Tastatur und Digitalanzeige seien nicht unangreifbar, warnt Henryk Plötz vom CCC. Er hält nichts davon, ein hoheitliches Dokument wie den Personalausweis mit einer elektronischen Identität zu kombinieren. "Hier hätte man besser ein privatwirtschaftliches System etabliert."
Dass die Mehrheit der Bürger nicht in der Lage ist, ihre Computer mit Virensoftware und Firewalls vor Eindringlingen zu schützen, weist der BMI-Experte Reisen zurück. 79 Prozent der Privatcomputer seien heute bereits geschützt. Nach den Plänen des Ministeriums sollen einfache Lesegeräte für den neuen Ausweis zusammen mit einer Viren-Software künftig für 25 Euro angeboten werden. Die derzeitige Debatte um Identitätsklau sei "auch ein Stück weit gewollt", um die Bürger darauf aufmerksam zu machen, dass sie ihre Rechner schützen müssten. Wer seinen Ausweis nicht in einer "dubiosen Umgebung" einsetze, sei auch in Fragen der Haftung "auf der sicheren Seite", sagt Reisen. Genau dies zweifeln die Kritiker vom CCC an.
Der Erfolg des digitalen Ausweises werde auch davon abhängen, was für Anwendungen es gebe, sagte der Berliner IT-Experte Gora. Bislang sei die Industrie noch zögerlich. "Die Wirtschaft hätte teilweise gerne mehr Daten ausgelesen." Doch auch wenn vor manchen Ämtern derzeit tausende Schlange stehen, um noch einen alten, nicht-digitalen Ausweis zu ergattern: Reisen ist zuversichtlich, dass schon im kommenden Jahr zwei bis drei Millionen Deutsche den neuen Ausweis haben. (red.yoopress)




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