Für den Römer Draghi kann die Geschichte seiner Berufung eine Warnung für seine Amtszeit sein. Offiziell ist die EZB unabhängig von den nationalen Regierungen, die Versuchen der Einflussnahme auf die europäischen Währungshüter in Frankfurt aber nicht immer widerstehen können. Als EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy schließlich das Votum für Draghi mitteilte, zeigte er sich zuversichtlich, dass der zweifache Familienvater "eine starke und unabhängige" Amtsführung zeigen werde. Das sei besonders wichtig in diesen schwierigen Zeiten.
Draghi übernimmt die EZB-Führung in einer Zeit, die EU-Währungskommissar Olli Rehn kürzlich als "die schlimmste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg" bezeichnete. Das Amt gilt als Schlüsselposten in der Eurokrise. Der 63-Jährige genießt jedoch großes Ansehen wegen seiner Diskretion und Ernsthaftigkeit. Er ist kein römischer Lebemann, gilt aber als jemand, der seine Beziehungen zu pflegen weiß. Dies wird ihm auch in seiner Amtszeit als EZB-Chef nutzen, die im November beginnt und bis 2019 läuft.
Draghi hat Erfahrung mit Krisen. Er kam 2005 zur Banca d'Italia, als diese von Skandalen erschüttert wurde. Unter Draghis Leitung gewann die Bank international wieder an Format. Sein entschlossenes Handeln trug maßgeblich zur Stabilität des italienischen Bankensektors bei, der Abstand zu toxischen Finanzprodukten hielt und während der Finanzkrise allzu großen Problemen entging.
Seine Karriere verfolgte Draghi nicht nur in seiner Heimat. Er absolvierte ein Wirtschaftsstudium in Rom, anschließend promovierte er in den USA. Es folgten die Habilitation und die Arbeit als Professor an italienischen Universitäten. Draghi vertrat sein Land zwischen 1984 und 1990 bei der Weltbank, bevor er 1991 Generaldirektor im italienischen Finanzministerium wurde. Diesen Posten bekleidete er zehn Jahre lang. Bevor "Super Mario" zur Banca d'Italia wechselte, war er Vizepräsident bei der US-Investmentbank Goldman Sachs.
Die Italiener nehmen seine Analysen sehr ernst. Seine regelmäßigen Appelle nach Reformen haben dennoch für ein angespanntes Verhältnis vor allem zu Wirtschaftsminister Giulio Tremonti gesorgt. Das hielt Rom dennoch nicht davon ab, ihn zum Kandidaten für den EZB-Chefposten zu machen. In diplomatischer Art und Weise wusste Draghi in den vergangenen Monaten Lockangebote in Richtung Berlin zu schicken. So lobte Draghi die deutsche Finanzpolitik und betonte mehrfach die Bedeutung der Preisstabilität.
Mit diesem Vorgehen sucht der Italiener noch eines der letzten Hindernisse aus dem Weg zu räumen: seine Nationalität. Italien und Preisstabilität ist für einige immer noch ein Widerspruch. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zeigte sich auf dem EU-Gipfel hochzufrieden mit der Ernennung Draghis, den viele durchaus in der Tradition einer deutschen Stabilitätspolitik sehen. (red.yoopress)




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