Sekt, Shrimps und Rücktrittsforderungen

Donnerstag, 12. Januar 2012 | 16:47 Uhr | RED.YOOPRESS | POLITIK
Quelle: AFP| Co-Autor: P.WÜTHERICH
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Christian und Bettina Wulff vor Schloss Bellevue (Foto: Peter Kuley)

DEUTSCHLAND (Berlin) - Auf motivierende Parolen in Krisensituationen versteht sich Klaus Schlappner, das hat er als Bundesligatrainer gelernt. Seinem Gastgeber in Schloss Bellevue brachte die Fußball-Legende am Donnerstag einen Trostspruch mit: "Nicht nach jedem verschossenen Elfmeter ist das Spiel verloren." Schlappner war für sein Sport-Engagement zum Neujahrsempfang von Bundespräsident Christian Wulff geladen. Beim Defilee entspann sich ein kurzer Wortwechsel, den Schlappner später so wiedergab: "Ich hab' ihm gesagt: Ihr habt ja die Saison noch vor Euch. Er hat gesagt: Die Saison geht bis 2015."

Knappe Worte, klare Botschaft: Im Jahr 2015 endet regulär Wulffs erste Amtszeit, die er offenbar bis zum Schluss durchstehen will. Während im Berliner Politikbetrieb selbst Parteifreunde von ihm abrücken, demonstrierte Wulff als Gastgeber im Schloss politische Normalität bei Sekt, Kräuter-Shrimps und Tafelspitz in Liebstöckel-Crèpe. Weit über hundert Gäste aus Politik, Justiz, Wissenschaft und Ehrenamt begrüßten Christian und Bettina Wulff persönlich mit Handschlag und Small Talk, drei Stunden dauerte das Defilee.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) war als eine der letzten an der Reihe. Die Kanzlerin blieb auf Distanz zu Wulff. Für ein persönliches Gespräch mit dem Präsidenten im Schloss habe es "keine Gelegenheit" gegeben, die Kanzlerin habe sich bei dem Empfang "unters Volk gemischt", hieß es in Regierungskreisen.

Merkel weiß, wie groß der Unmut über Wulff in ihrer Partei inzwischen ist. Als erster Abgeordneter der Union im Bundestag forderte inzwischen der Berliner Parlamentarier Karl-Georg Wellmann den Präsidenten zum Rücktritt auf. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" berichtete von Überlegungen, im Fall von Wulffs Rücktritt den angesehenen Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) als gemeinsamen Kandidaten von Regierung und Opposition aufzustellen.

Demonstrativ abgesagt hatten ihre Teilnahme an dem Empfang die Chefin der Anti-Korruptionsorganisation Transparency International, Edda Müller, und der Vorsitzende des Deutschen Journalistenverbands, Michael Konken. Beide wollten ihr Fernbleiben als Protest gegen Wulffs Umgang mit der Öffentlichkeit in der Kreditaffäre verstanden wissen.

Unter denjenigen, die ins Schloss gekommen waren, war die Wulff-Affäre nach dem Defilee das wichtigste Gesprächsthema in den Empfangssälen. "Auf Berlinerisch sagt man zu so was Scheibenkleister", kommentierte die für ihr ehrenamtliches Engagement eingeladene Berlinerin Marianne Janz die Affäre um Wulff. "In Berlin hätten sowieso viele lieber den Gauck gehabt." Der niedersächsische Sport-Aktivist Johann-Hermann Tjardes schüttelte den Kopf über Wulffs wütende Anrufe beim Springer-Verlag: "Solche wichtigen Dinge sagt man doch nicht auf den Anrufbeantworter", befand Tjardes.

Der Hamburger Antonio Diaz y Sanchez, der sich für die Bildung von Migranten einsetzt, nahm Wulff in Schutz und lobte seinen Einsatz für Einwanderer. Er findet, der Bundespräsident werde von den Medien ungerecht behandelt: "Wollen wir eine Republik, in der die 'Bild'-Zeitung regiert?" Auch Ex-Trainer Schlappner ließ Nachsicht walten: "Wenn der Bundespräsident mir die Hand schüttelt, überleg ich nicht, was ist jetzt die letzten Wochen gewesen."

Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) sagte am Rande des Empfangs, er wünsche Wulff "die Kraft, die dazugehört, mit solchen Herausforderungen umzugehen". Aufmerksam wurde registriert, welche Politik-Größen bei dem Empfang fehlten. SPD-Chef Sigmar Gabriel und die Grünen-Vorsitzenden Claudia Roth und Cem Özdemir sagten dem Präsidenten unter Verweis auf terminliche Schwierigkeiten ab. Linken-Chef Klaus Ernst war als einziger Vorsitzender einer Oppositionspartei Wulffs Einladung gefolgt. "Da lastet ja viel Verantwortung auf meinen Schultern", scherzte Ernst. (peter.wütherich - red.yoopress)

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