Ergebnis der Plauderstunde: "Ich bin weniger geneigt, hinzuschmeißen oder davonzulaufen"

Montag, 23. Januar 2012 | 08:19 Uhr | RED.YOOPRESS | POLITIK
Quelle: AFP| Co-Autor: B.KÖNIG
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Wulff will nach seiner Amtszeit aufgrund seiner Taten beurteilt werden (Foto: Martina Nolte, Lizenz: Creative Commons by-sa 3.0 d)

DEUTSCHLAND (Berlin) - Ein Theater, das altehrwürdige "Berliner Ensemble", war am Sonntag die Bühne für den angeschlagenen Bundespräsidenten Christian Wulff, um mit "Zeit"-Herausgeber Josef Joffe zu plaudern. "Typisch Deutsch" lautete das Thema der Matinee an diesem Sonntag. Gekommen waren neben den üblichen Gästen auch zahlreiche Journalisten, die normalerweise wohl kaum diesen Live-Auftritt des Staatsoberhaupts beachtet hätten. Doch die Lage ist nicht normal und tatsächlich geht es in den eineinhalb Stunden Zweiergespräch weniger um Deutsches an sich als um den Deutschen Wulff.

Quälende Fragen zu seinem Privatleben musste der angeschlagene Präsident bei diesem Termin nicht fürchten. Lediglich der Beifall kam zu Beginn und auch am Ende etwas verhalten. Ein einzelner Mann im ersten Rang zeigte als Zeichen des stummen Protests seine Schuhe. Joffe dagegen ließ Wulff viel Raum, seine Sicht der Dinge darzustellen - und stellte immer wieder von Neuem die Frage, ob es nicht die Medien sind, die zumindest Mitverantwortung für die Präsidenten-Affäre tragen.

Wulff äußerte sich da eher vorsichtig - aus gutem Grund. Vergünstigte Privatkredite für sein Eigenheim, Gratis-Urlaube in den Villen befreundeter Unternehmer, Zuwendungen für Hotel-Upgrades, die Filmball-Einladung des Marmeladen-Herstellers Zentis sind Teil der langen Liste gegen ihn erhobener Vorwürfe. Auch wenn diese gelegentlich in Nichtigkeiten wie ein geschenktes Bobby-Car für Wulffs Sohn abgleiten, sehen viele hinter dem Ganzen System - und stellen die Frage, was Wulff eigentlich noch selbst bezahlt hat.

Heikel für den Präsidenten sind auch die Ermittlungen gegen seinen langjährigen engen Vertrauten und Pressesprecher, Olaf Glaeseker. Der ließ offensichtlich auf niedersächsische Landeskosten Studenten für die Bewirtung der Gäste des privaten sogenannten "Nord-Süd-Dialogs" des Event-Managers Manfred Schmidt anheuern, wo dann ebenfalls staatlich finanziert für ein paar tausend Euro Kochbücher verteilt wurden.

Bestechlichkeit wird Glaeseker inzwischen vorgeworfen und die niedersächsische SPD will auch dessen Mentor Wulff wegen womöglich falscher Angaben zum "Nord-Süd-Dialog" vor dem Landesverfassungsgericht verklagen. Der Präsident spricht von einer "schwierigen Situation" und beteuert, nichts von den Zahlungen gewusst zu haben. Im übrigen gelte auch für Glaeseker, dessen Wohnung die Staatsanwaltschaft am Donnerstag durchsuchen ließ, bis auf Weiteres die Unschuldsvermutung.

Im "Berliner Ensemble" gab sich Wulff zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen mal einsichtig und zerknirscht ("Ich habe Fehler gemacht und für die habe ich mich entschuldigt"), mal menschelnd, wenn er auf seine schwere Kindheit ohne Vater und mit seiner pflegebedürftigen Mutter verwies. Damals habe er gelernt, auch bei großen Problemen nicht "einfach hinzuschmeißen und davonzulaufen". An Rücktritt denke er auch deswegen nicht, "weil ich meine Arbeit sehr ernst nehme und gerne mache".

69 Prozent der Befragten sind laut einer vom Gastgeber "Zeit" in Auftrag gegebenen Umfrage inzwischen der Meinung, dass Wulff das Präsidentenamt "eher nicht" mehr angemessen ausführen kann. Gleichwohl setzt der Präsident darauf, dass die Bürger letztlich ein positiveres Urteil über ihn fällen werden. Er wünsche sich, dass nach Ablauf seiner fünfjährigen Amtszeit nicht die aktuellen Vorwürfe im Vordergrund stehen, sondern seine politischen Botschaften: Die Republik "ein Stück weit weltoffener" zu machen und "Zuwanderung als Bereicherung zu empfinden".

Einer der wenigen wirklich kritischen Fragen in dieser Matinee, der nach der Bedeutung tugendhaften Handelns in der Politik, wich Wulff aus und redete lieber allgemein über die Bedeutung der Bodenhaftung für politische Amtsträger. Im Foyer des "Berliner Ensemble" wurden am Rande der Veranstaltung, so wie jeden Tag, T-Shirts verkauft mit dem Zitat des Theatergründers Bertolt Brecht: "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral!" (b.könig – red.yoopress)

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