Wie eng die Bindung der Franzosen an ihre Autoindustrie ist, beschreibt der Historiker Jean-Louis Loubet: "Wenn man sich die Familien-Fotoalben anschaut, dann ließ man sich in den 1950er, 60er, 70er Jahren vor seinem Auto ablichten, zu einer Zeit, als man noch ausschließlich französische Produkte kaufte." Das Auto sei der Ausdruck einer ganzen Kultur. Dass nun tausende Stellen abgebaut und ganze Werke geschlossen werden sollen, sei "schmerzhaft". Große Firmen wie Peugeot hätten die Franzosen für "unerschütterlich" gehalten, meint der Professor an der Universität von Evry.
Zusammen mit dem französischen Konkurrenten Renault zählt PSA zum Stolz der französischen Industrie, die freilich schon seit Jahren wegen ihrer Wettbewerbsschwächen als anfällig gilt. Der Konzern PSA Peugeot Citroën ist nach VW der zweitgrößte Autobauer Europas. Und immer noch "spielt das Auto eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Gesellschaft", sagt Sébastien Amichi, Experte bei der Unternehmensberatung Roland Berger. Das Auto sei ein Zeichen für Unabhängigkeit, wirtschaftliche Entwicklung und Innovation.
So war es kein Zufall, dass der neue französische Präsident François Hollande bei seinem Amtsantritt im Mai in einem Hybridauto von Citroën über den Pariser Prachtboulevard Champs-Elysées fuhr. Das Mittelklasse-Fahrzeug vom Typ DS5, das sowohl einen Diesel- als auch einen Elektromotor hat, fährt der Sozialist weiterhin als Dienstwagen. Genau solch innovative Modelle französischer Hersteller - darunter auch Elektroautos - will die Regierung in Paris künftig massiv fördern.
Der PSA-Konzern hatte in den vergangenen Jahren versucht, den Mythos "DS" als Marke wiederzubeleben. Liebhaber des windschnittigen Wagens aus den 50er und 60er Jahren wurden aber enttäuscht, denn die neuen Modelle ähnelt nicht im geringsten dem langgezogenen Vorgänger. Die Abkürzung "DS" ist im Französischen ein Wortspiel mit dem Wort für "Göttin" ("déesse"). Republikgründer Charles de Gaulle hatte die "DS" seinerzeit zu offiziellen Anlässen genutzt. Bekannt wurde der Wagen auch durch die "Fantomas"-Filme der 60er Jahre mit Louis de Funès oder durch Polizei- und Agenten-Thriller mit Alain Delon.
PSA-Chef Philippe Varin hält eine Neuausrichtung der Produktpalette für den richtigen Weg, um auf dem internationalen Markt wieder Tritt zu fassen. Das Unternehmen, das bisher auf kleinere und mittlere Fahrzeuge setzte, hat vor allem in Europa riesige Absatzprobleme. Die deutschen Autobauer hingegen mit ihren Luxusschlitten, die sie weltweit verkaufen, stehen trotz der Krise ganz gut da. PSA produziert immer noch 44 Prozent seiner Autos in Frankreich, während es bei Renault weniger als 30 Prozent sind.
Ob es Peugeot und Citroën gelingt, ein neues "Kultauto" zu produzieren, ist derzeit offen. So bleibt den Franzosen das Schwelgen in der Vergangenheit: Ein Wagen der DS-Reihe steht bereits im Museum für moderne Kunst in New York. Und François Melcion, der Vorsitzende des Sammlerverbandes Rétromobile, erinnert sich: "Alle französischen Familien hatten eine Ente - das günstige Nachkriegsauto." Der kleine Peugeot 205 wiederum sicherte in den 80er Jahren dem Autobauer das Überleben.
Dass nun 8000 Stellen bei PSA in Frankreich abgebaut werden sollen, sieht Experte Amichi als tiefen Einschnitt: "Wir sind gerade dabei, die Umkehr eines Mythos zu erleben, wobei das Auto nun zu einem wirtschaftlichen und nationalen Problem wird." (d.touitou)




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