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Fulda: Das gallische Spätlese-Dorf

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07:30
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WEINEVENTS

Fulda: Das gallische Spätlese-Dorf
Riesling-Spätlese-Pokal 2013: Juroren bei der Verkostung (Foto: Spätlese-Tage Fulda)
Riesling Spätlese Cup 2013: Judges at the tasting (Photo: Spätlese-Tage Fulda)

DEUTSCHLAND (Fulda) - Ein traditionsreicher deutscher Begriff ist in die Jahre gekommen und steht merklich unter Druck, obwohl er auch international Wertschätzung als „Late Harvest“ genießt. Immer weniger deutsche Weine werden mit der Bezeichnung Spätlese gefüllt, obwohl viele Weine eigentlich diese Voraussetzung erfüllen.

 

Die Veranstalter des 2000 eingeführten und seitdem jährlich durchgeführten Wettbewerbs um den Riesling-Spätlesereiter-Pokal der Stadt Fulda bekommen das zu spüren. Obwohl diese Disziplin einen guten Ruf in der Winzerszene hat und eine kompetente Jury die Entscheidungen trifft, werden immer weniger Spätlesen angestellt. Mehr als 300 waren es schon mal, in diesem Jahr wurden nur noch knapp 190 Weine verkostet. Fulda hat als Kämpfer für den Erhalt des mit dem Jahrgang 1775 „erfundenen“ Prädikats schon fast einen Ruf als gallisches Dorf weg, das noch Widerstand leistet gegen immer neue Deklaration.

Hauptkonkurrenz ist hier eindeutig das Große Gewächs des Verbandes Deutscher Prädikatsweingüter, beziehungsweise die neue Regel des VDP, dass es möglichst keine trockenen Spätlesen mehr geben soll in seinen Reihen. Die fruchtige Spätlese darf es weiterhin sein. Fast schon kurios mutet in diesem Zusammenhang an, dass das Große Gewächs von Reglement her kein „naturreiner“ Wein ist, also ein Wein, der nicht angereichert wurde. Die Most-Chaptalisation ist bei einem Großen Gewächs nicht generell ausgeschlossen, nur ist sie aufgrund der klimatischen Gegebenheiten in den letzten Jahren auch kaum mehr notwendig. Denn die Natur sorgt für genügend Zuckergehalt in den Trauben.

Ein Hindernis für großen Zuspruch bei der Spätlese in Fulda sind auch die Umorientierungen etlicher Winzer hin zum VDP-System mit Gutswein, Ortswein und Lagenwein, aber Verzicht auf ein Prädikat. Diese dreistufige Regel ist nicht unvernünftig, weil sie dem Verbraucher scheinbar aufzeigt, dass mit der Angabe einer Lage immer die besten Weine eines Betriebes gekennzeichnet sind. Das waren früher oft die Spätlesen oder die Ortsweine. Andererseits erfordern solche betriebsinterne Regeln auch, dass die Erzeuger ihre Weine selbst gut einschätzen können. Es kommt nicht selten vor, dass ein Ortswein besser als der Lagenwein ist.

Andere Betriebe haben umgestellt auf Begriffe wie Réserve (gesetzlich nicht exakt definiert) oder ein Sterne-System oder eigene Erfindungen. Die Konsumenten haben es bei diesem Bezeichnungsdurcheinander nicht leicht – die Winzer offenbar ebenfalls nicht. Beim Fuldaer Spätlese-Wettbewerb mussten einige Weine abgelehnt werden, weil sie zwar den Kriterien einer Spätlese entsprachen, aber nicht als solche deklariert waren.

„Wir setzen uns für den Erhalt der Spätlese ein. Da geht es nicht, dass wir solche Weine in der Bewertung berücksichtigen“, macht Organisator Wolfgang Wehner vom Regionalmarketing der Stadt Fulda deutlich. Er hatte vor 13 Jahren die Idee, zum damaligen 225-jährigen Jubiläum der Spätlese den Wettbewerb ins Leben zu rufen. 1775 war Schloss Johannisberg noch klösterlicher Besitz und unterstand dem Bistum Fulda. Damals war es üblich, dass kurz vor der absehbaren Ernte ein reitender Bote einige Trauben zum Bischof brachte, um von ihm die Leseerlaubnis einzuholen. In jenem Jahr verspätete sich der Bote. Die Trauben auf dem Johannisberg wurden, obwohl reif, nicht geerntet, weil die Mönche obrigkeitshörig waren. Als der Bote schließlich kam, konnten nur mehr eingeschrumpfte, schimmelig anmutende Beeren abgepflückt werden. Das Ergebnis ein paar Monate später bei der ersten Probe aus dem Fass war freilich großartig. Der Kellermeister befand, er habe „einen solchen Wein noch nicht in den Mund gebracht“. Die späte Lese, die damals vermutlich eine Beerenauslese oder Trockenbeerenauslese war, erblickte damit das Licht der Weindeklarationen. Heute braucht sie als Spätlese Helfer, die ihr Überleben sichern.

Und Erzeuger, die sich bei der Spätlese richtig anstrengen. Das war einmal mehr klar bei der diesjährigen Verkostung im festlichen Schloss in Fulda: Es gibt nach wie vor großartige, faszinierende Spätlesen vom Riesling. Und der Wettbewerb ist auch eine Möglichkeit für weniger prominente Winzer, sich zu profilieren. Das geschah in diesem Jahr keineswegs in einem Wettbewerb mit vielen Nobodys. Eine Reihe namhafter Betriebe machten mit, aber sie schafften es nicht an die Spitze. Besonders erfolgreich war das rheinhessische Weingut Manz, das sich aber ohnehin in den letzten Jahren in die Gebietsspitze hochgearbeitet hat und dies mit einem ersten, zweiten und dritten Platz unterstrich.

Erklärungsbedürftig ist der Name eines Siegerweines: „Überschwang“ heißt der Wein von Reuscher-Haart aus Piesport deshalb, weil der Winzer Mario Schwang heißt. Sein Spitzenplatz in der Kategorie halbtrocken/feinherb sorgte vermutlich auch für einen Überschwang der Gefühle bei dem jungen Geisenheim-Absolventen (34), der vor sieben Jahren den elterlichen Betrieb übernahm.

Kleine Vorschau: Die Siegerehrung mit Präsentation der Topweine findet im Rahmen der „Fuldaer Spätlese-Tage“ (bei denen die örtliche Gastronomie eingebunden ist) am Sonntag, 17. November, ab 11 Uhr im barocken Ambiente des Schlosses statt.

Die Top-Spätlesen auf einen Blick

TROCKEN (Zwei Sieger)

  • 17.2 Punkte: 2012 Oppenheimer Herrenberg „100“ - Weingut Manz, Weinolsheim (Rheinhessen)
     
  • 17.2 Punkte: 2012 Hochheimer Kirchenstück - Weingut W. J. Schäfer, Hochheim (Rheingau)
     
  • 17.1 Punkte - 3. Platz: 2012 Weinolsheimer Kehr - Weingut Manz, Weinolsheim (Rheinhessen)


HALBTROCKEN / FEINHERB (Zweimal 3. Platz)

  • 16.4 Punkte - Sieger: 2012 Piesporter Goldtröpfchen „Überschwang“ - Weingut Reuscher-Haart, Piesport
     
  • 16.3 Punkte - 2. Platz: 2012 Spätlese feinherb „Kalkstein“ - Weingut Manz, Weinolsheim (Rheinhessen)
     
  • 15.7 Punkte - 3. Platz: 2012 Edition Michelskirch - Weingut F. J. Regnery, Klüsserath (Mosel)
     
  • 15.7 Punkte - 3. Platz: 2012 Hochheimer Hölle - Weingut W. J. Schäfer, Hochheim (Rheingau)


FRUCHTIG (Zweimal 2. Platz)

  • 17.8 Punkte - Sieger: 2012 Kaseler Nies’chen - Weingut Karlsmühle, Mertesdorf (Mosel)
     
  • 17.6 Punkte - 2. Platz: 2012 Oestricher Lenchen - Weingut Manfred Bickelmaier, Oestrich-Winkel (Rheingau)
     
  • 17.6 Punkte - 2. Platz: 2012 Bernkasteler Doctor - Weingut Geheimrat Wegeler, Gutshaus Bernkastel (Mosel)
     
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