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Die deutsche Weinelf will Europameister werden

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08:03
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WEINEVENTS

Die deutsche Weinelf will Europameister werden
Wie in der Bundesliga: Hohe Anspannung der Weinelf vor einem wichtigen Match. (© Weinelf)

DEUTSCHLAND (Geisenheim) – Die Bezeichnung „Weinelf“ sorgt immer wieder für Irritationen. Klar, Elf steht für Fußball. Aber Wein und der von Kondition und Ballgefühl bestimmte Sport, wie passt das zusammen? Durchaus, wenn man sich im Profilager umsieht, wo nicht nur Abstinenz gepflegt wird. Ein Paul Breitner weiß zu berichten, dass er sich einst bei Real Madrid dem Genuss von Rioja nicht entziehen konnte – wie auch Weltmeister-Trainer Jogi Löw, der dieses Wein-Hobby mit seinem Kollegen Louis van Gaal teilt, während der vormalige DFB-Sportdirektor Hansi Flick lieber rote Cuvées aus dem Badischen trinkt (was Winzer Thomas Seeger aus Leimen freut). Franz Beckenbauer bekannte sich vor Jahren beim „Ball des Weines“, ausgerichtet vom Verband der Prädikatsweingüter (VDP), keck zum österreichischen Grüner Veltliner als Lieblingswein. Inzwischen ist der 72-Jährige in Südafrika zum Weingutsbesitzer (Lammershoek in Swartland) geworden.

 

Die Verbindung Wein und Fußball ist also durchaus existent. Und es muss sie nicht nur in den obersten Etagen in der Nationalmannschaft und Bundesliga geben. Viele, die beruflich mit Wein zu tun haben, nicht nur als Winzer, sondern auch in anderen Sparten, wie dem Kellerbau, den Medien, der Politik, der Weinwissenschaft, dem Marketing, sind oft zugleich Fußballfans. Manche gehen aktiv in unteren Klassen auf Torjagd oder bemühen sich, Gegentreffer zu verhindern. Andere kicken bei „Alten Herren“ oder halten sich auf andere Art fit und lassen dann, wenn sie auf echtem oder Kunstrasen antreten, durchaus erkennen, dass das runde Leder für sie kein Fremdkörper ist. 

Eine solche Mannschaft legte im Mai 2005 gewissermaßen den Grundstein für die Weinelf Deutschland, als sie mit einem 3:2-Sieg auf dem heiligen Rasen des Münchner Olympiastadions gegen die Deutsche Fußballmannschaft der Spitzenköche und Restaurateure (auch so etwas gibt es!) startete. Damals schon war echter Teamgeist zu bemerken. Dieser besondere „Spirit“ sorgte für eine konsequente Weiterentwicklung mit offizieller Vereinsgründung und den Aufbau zumindest halb professioneller Strukturen inklusive einer tatkräftigen ehrenamtlichen Event-Managerin (Erica Fischbach). 

Schnell wurde erkannt, dass auch andere Berufsgruppen ähnlich dachten und aktiv waren. Mediziner, Autoren, Priester haben eigene Nationalmannschaften. Landtage, Ministerien und der Deutsche Bundestag bilden immer wieder mal über mehrere Parteien hinweg ein Team (nach bislang zwei Spielen gegen den Bundestag steht es 1:1). Der Ruf der fußballspielenden Weinfans aus deutschen Landen drang bald über die Grenzen hinaus. Die Österreicher ließen sich anregen – und wurden zum Einstand mit einem 2:1-Sieg wieder im Olympiastadion gegen die Weinelf Deutschland belohnt. Dieser Erfolg wurde in Austria sogar in den Hauptnachrichten im ORF gewürdigt …

Mittlerweile gab es sogar schon einige Europameisterschaften der Wein-Berufsstände aus verschiedenen Ländern. Neben Deutschland und Österreich hat man in der Schweiz, Italien, Slowenien und Ungarn viel fußballerischen Ehrgeiz in der Weinszene entwickelt. Ein Highlight für die deutsche Weinelf war dabei zweifellos der Gewinn der Europameisterschaft im Jahr 2014 in der Schweiz mit einem 3:2 gegen Ungarn, exakt 60 Jahre nach dem sensationellen Weltmeisterschafts-Triumph der „richtigen Nationalmannschaft“ in Bern gegen das gleiche Land.

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Verdient gewonnen – die Weinelf feiert die Europameisterschaft 2014. (© Weinelf)
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Für die positive fußballerische Entwicklung sorgten mehrere Trainer. Zunächst war das Lothar Böhm, früher bei Werder Bremen aktiv. Er brachte den Weinelfern vor allem taktische Disziplin bei. Als er aus gesundheitlichen Gründen aufhören musste, fand sich in DFB-Trainer Erich Rutemöller ein Nachfolger, der sich für das Weinelf-Prinzip begeistern konnte. Wenn Rutemöller durch seine Tätigkeit beim DFB verhindert ist, übernimmt Verbands- und Vereinstrainer Friedel Müller aus Hessen die Regie. Im Team haben die Coachs sich der Rekrutierung von Nachwuchs angenommen, sodass eine Reihe jüngerer Talente aufgenommen werden konnte, mit denen die Weinelf deutlich spielstärker und variabler wurde. Die stimmkräftige Anfeuerung durch die „Weinelfen“ (die besseren Hälften der Aktiven) hatte auch Anteil an manchen Erfolgen.

Was die Weinelf organisatorisch voranbrachte, waren aktive, ideenreiche, verbindende Präsidenten, zunächst Gründer Norbert Heine und dann sein Nachfolger Robert Lönarz. Sie fanden in der Vorstandschaft Mitstreiter für eine gesunde Arbeitsteilung und dazu Sponsoren (zuletzt die Messe Stuttgart), die sich gern in die Aktivitäten einbinden lassen und dazu beitragen, dass die Weinelf Deutschland als positiver Repräsentant der deutschen Weinwirtschaft wahrgenommen wird. Auch deshalb, weil sich der Verein gemeinnützig engagiert und schon in einigen Fällen Geld für Stiftungen einsammeln konnte, bis hin zur Giovane Elber-Kinderhilfe (was den Ex-Profi des VfB Stuttgart und Bayern München dazu brachte, Ehrenmitglied der Weinelf zu werden).

Die Weinelf fand sogar Akzeptanz in der hohen Politik: Im Juni 2017 besuchten drei Dutzend Mitglieder, ordentlich ausstaffiert mit den Vereinssakkos, im Bundestag Kanzlerin Angela Merkel, überreichten ihr eine Magnum Riesling, ein Trikot sowie einen Wimpel und konnten kurz mit der Regierungschefin plaudern. Die Visite ermöglichten zwei Abgeordnete der CDU aus dem Rheingau und einer aus Rheinhessen.

Heute ist die Weinelf Deutschland mit ihrem augenzwinkernd formulierten Motto „Elf Flaschen müsst ihr sein“ eine starke Gemeinschaft mit zahlreichen Aktiven in unterschiedlichsten Altersklassen (die reiferen Ballartisten bilden das „Team Spätlese“), die sich freundschaftlich verstehen, auch mal beim Training einen Bodycheck verzeihen und in der dritten Halbzeit immer noch Kondition haben. 

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Fußballeuropameisterschaft der Winzer in Slowenien 28. Mai - 2. Juni 2018. Die deutsche Mannschaft wird am 30. und 31. Mai 2018 in Maribor um den Einzug in die Halbfinals spielen. Mit in der Gruppe sind Slowenien, Schweiz und Ungarn. In Goriska Brcla treten Italien, Österreich, Portugal und Tschechien gegeneinander an. Das Finale findet am Samstag, 2. Juni in Murska Sobota statt. Anschliessend präsentieren die Vertreter von acht Nationen ihre Weine am Vinoeuro Festival. (@ Vin Euro 2018)
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Zuletzt wurde in der Sportschule Edenkoben hart für ein großes Ziel gearbeitet: die nächste Europameisterschaft Ende Mai/Anfang Juni in Slowenien. 2016 in Mainz unterlag die deutsche Weinelf im Endspiel in der Bundesliga-Arena vor rund 3.000 Zuschauern knapp mit 2:3 gegen Slowenien (das entscheidende Tor fiel in der letzten Minute). „Den Titel wollen wir uns zurückholen“, kündigte Präsident Robert Lönarz (hauptberuflich in leitender Funktion an der Hochschule Geisenheim) an. Diesmal sind allerdings nicht sechs Nationen am Start, sondern acht. Erstmals greifen Portugal und Tschechien ins Geschehen ein. Zum Kader der Weinelf gehören auch prominente Winzer wie die Rheinhessen Philipp Wittmann, Stefan Winter, Marc Weinreich, die Rheingauer Pascal Sohns, Alexander Jung und der Badener Maxi Stigler.

Einige der Spieler offerieren jetzt sogar ein spezielles WM-Paket, das zwar in Verbindung mit der WM in Russland steht, aber eigentlich auch die EM der Weinelfer begleitet. Pascal Sohns aus dem Rheingau liefert dafür einen Riesling, Fritz Steitz aus Rheinhessen ist mit einem Silvaner dabei, Konstantin Gänz von der Nahe präsentiert einen Weißburgunder. Auf den Etiketten sind die Funktionen nachzulesen: „Capitano“ für Sohns, „Sturmspitze“ für Steitz und „Abwehrchef“ für Gänz. Sohns wird als Spielführer auf jedem Fall seinem Titel gerecht. 

Steitz und Gänz werden sich in Slowenien beweisen müssen. (rudolf.knoll)

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