Menü

ÜBRIGE WEINLÄNDER

Champagner, Bubblies & Co: Der Klimawandel ist der Joker für englische Weinerzeuger
Kaum zu glauben: Englische Weinerzeuger profitieren vom Klimawandel, heimsen mit ihren Schaumweinen Medaillen ein und kratzen am Selbstbewusstsein der Franzosen
Hard to believe: British winemakers benefit from climate change, win medals with their sparkling wines and shake the self-confidence of the French

UK (London) - Bisher hielten sich die Weinerzeuger im Süden Englands bedeckt. Wenn man über sie sprach, dann nur nebenbei. Doch jetzt wurde auf der Weltklimakonferenz in Kopenhagen nicht mehr über Weine aus England geflüstert, sondern offen referiert. Durch die globale Erwärmung profitieren die englischen Erzeuger: "Die Ernte 2009 ist ungeheuer gut, vor allem für Schaumweine", so der Tenor in Kopenhagen.

 

"Wir ziehen eindeutig den Vorteil aus dem globalen Klimawandel. Klingt schrecklich, zugegeben, aber so ist es nun mal", gesteht Christopher Foss, Leiter des Bereichs Weinstudium am Plumpton College in Sussex County und stellt weiter fest: "Der Süden von England hat heute das Klima wie an der französischen Loire und bis 2030 haben wir hier das gleiche Klima wie im Bordelais, wie uns die Experten bestätigen."

Seit der Zeit der Normannen und Römer wird Weinbau im Süden Englands betrieben, doch erst heute reiben sich die Winzer Englands die Hände, spielt Ihnen doch das Klima den Joker zu. Die Ernte 2009 sei von ausgezeichneter Qualität, sagen die Experten. Die Produktion mit bis zu drei Millionen Flaschen ist ein Rekord und liegt mit 50 Prozent plus über dem Mittel der letzten fünf Jahre.

Die britischen Winzer selbst setzen ihre ganzen Hoffnungen auf die Weißweine, vor allem auf ihre "Champagner", deren Bezeichnung zwar geschützt, deren Herstellungsmethode aber jeder anwenden kann. Die Winzer verweisen bezüglich ihrer Schaumweine weniger auf die geografische Nähe ihres "Garden of England" zur nur ca. 350 km südlicher gelegenen Champagner-Region, sondern vielmehr auf die vergleichbaren ton- und kalkhaltigen Böden. Diese wären es, die britische Schaumweine mit Champagner vergleichbar erscheinen ließen, sagen sie. Und Wissenschaftler aus Cambridge bestätigen dies: "Vor 9000 Jahren trennte ein netter kleiner See die heutige Champagne von Englands Süden. Die geologischen Bodenstrukturen sind nahezu identisch."

Doch was die britischen Winzer in den Grafschaften Sussex, Kent, Dorset und Cloucesterhire erfreut, erschüttert ihre Kollegen in den südlicheren Anbauzonen. In den Weinregionen Burgund und Côtes-du-Rhône herrscht Betroffenheit. In einem Bericht von Greenpeace, veröffentlich im September 2009, spricht die Umweltorganisation davon, dass die optimale Breite für Weinbau im 21. Jahrhundert nahezu 1000 km in Richtung der nördlichen Hemisphäre wandern wird, wenn nichts unternommen würde, also Emissionen und Treibhausgase drastisch verringert würden. Sollte der Weltgemeinschaft aber eine Verringerung um nur 2 Grad gelingen, blieben die gegebenen Strukturen im Weinbau erhalten, aber daran glaubt heute wohl kaum jemand.

Die Auswirkungen im Burgund, und nicht nur dort, sind jetzt schon spürbar. Die Rebsorte Pinot Noir, einzigartiger Rohstoff von Burgund, fängt an Schwierigkeiten zu bereiten. Die Sommer werden hier immer wärmer, was der Rebsorte überhaupt nicht schmeckt, sie verliert suggzessive ihre Besonderheiten. Ergebnis: Die Pinot Noir Trauben im Burgund enthalten immer mehr Zucker und somit auch einen höheren unerwünschten Alkoholgehalt. "Wenn die Klimaerwärmung so weiter fortschreitet, dann bekommen wir in den nächsten 50-75 Jahren ernste Probleme in unseren klassischen Anbauregionen", so ein Sprecher der OIV (Internationalen Organisation für Rebe und Wein mit Sitz in Paris).

Ganz anderes "Wetter" herrscht dagegen in Englands Süden. "Das Tempo der Klimaerwärmung ist ebenso groß, wie der unkoordinierte Aktionismus der Weltstaaten", stellt Richard Selley, Geologe mit Professur am Imperial College in London konsterniert fest. "Was den Weinbau betrifft, so bekommen alle klassischen Weinbauländer das Klima und dessen Auswirkungen zu spüren."

Spürbare Auswirkungen für die Britischen Winzer zeigen sich jedenfalls schon darin, dass sie bei internationalen Wettbewerben immer mehr an vorderster Front zu finden sind, ja sogar schon Siegerweine stellen. Sie räubern auch im angestammten Feld der Franzosen, denn ihre Medaillen heimsen Sie meist mit Schaumweinen ein, meist Cuvée´s aus Pinot Noir, Pinot Meunier und Chardonnay. "Die englischen Weine haben einen wunderbaren Geruch von Kräuterhecken, Äpfeln und assoziieren einen schönen herbstlichen Nachmittag", schwärmt Tim Atkin, Weinkritiker und Master of Wine.

So ist es dann, dass die "Sparklings", "Bubblies" oder "Español Fizz" immer beliebter bei den Konsumenten auf der Insel werden, obwohl deren Qualität durchaus noch verbessert werden kann und die recht hohen Preise sollten auch überdacht werden. Doch noch haben die englischen Weine keinen nennenswerten Marktanteil erobert und die Produktionsmengen reichen bei weitem nicht aus, um die Briten zu befriedigen. Den großen Kuchen teilen sich immer noch die weltweit führenden Champagner-Importeure mit über 30 Millionen Flaschen jährlich. Nur 0,3 Prozent Schaumwein stemmen die englischen Erzeuger dagegen, aber, es wird mehr werden, warten wir es ab.

Kommentare (2)
Anzeige
Werbung =>(Info)
Anzeige
Werbung =>(Info)