Was die klassischen roten Rebsorten im Bordeaux lieben seien warme, sonnige Tage im Juni und Juli, um ihre Beeren zu konzentrieren, die dem Wein dann später die „Karosseriestruktur“ verleihen können, stellt Quarin den Status Quo fest. „Wenn das Wetter dann hält, bei gelegentlichen Regenfällen und es Ende August noch richtig warm wird, wird der Körper der Weine und die Stärke am Gaumen vollendet gebildet“, sagt Quarin. „Kommt dann noch ein feiner Altweibersommer dazu, dann reifen die Tannine von Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc vollends und glätten die Weine.“
Wird dieses so vollendete Gleichgewicht der Natur gestört, fehlt den Weinen die seidige Struktur und die Haptik am Gaumen ist verschmolzen - dies sind dann keine guten Weine und sie sind schon gar nicht erlesen. Nun stellt sich die Frage, wie kann man den Jahrgang 2011 mit diesen optimalen Bedingungen vergleichen?
Im Frühjahr herrschte in Bordeaux eine um rund 4,5 Grad höhere Temperatur als im Durchschnitt. In der Folge verbreitete sich überall in der Region andauerndes sonniges, warmes Wetter. Die Knospen entwickelten sich daher sehr früh, was auch eine sehr frühe Blüte nach sich zog. Der folgende großzügige Fruchtansatz schien einen reichhaltigen Ertrag zu versprechen. In der Tat ein hoffnungsvoller Start.
Aber schon im Juli machte sich die anhaltende Trockenheit besorgniserregend bemerkbar. Die Rebflächen auf Kalkstein oder auf ton- und kalkhaltigen Böden, die Wasser speichern und länger abgeben können, kamen mit der Trockenheit eher zurecht - ganz im Gegenteil die Parzellen auf Sediment- und Sandböden. So gediehen die Reben auf dem rechten Ufer in den Zonen Saint-Emilion, Fronsac und Pomerol trotz Hitze während man den Reben in den Appellationen Médoc und Graces schon den Stress anmerken konnte. Selbst innerhalb der AOC Médoc gab es Unterschiede, je nach Bodenstruktur. Dieses Muster konnte man auch in Barsac feststellen.
„Noch nie habe ich eine solche Diskrepanz auf den Weinfeldern in diesem frühen Stadium erlebt“, erzählt Quarin. In der Tat, viele der Reben verloren ihre Blätter sehr früh und die Beeren schafften es nicht eine volle Reife zu bilden. „Wenn man heute 2011 das Weinjahr der besten Terroirs ausrufen will, dann ist dies den alten Rebstöcken auf lehmig-tonhaltigen Böden geschuldet, die mit der Trockenheit zurechtkamen“, sagt Quarin.
Zum Glück war der Juli etwas kühler als üblich - eine echte Erleichterung für die Bereiche, in denen Wassermangel herrschte. Während zwischendurch die Temperaturen ihre Gipfel erreichten, schafften es vielfach die Beeren nicht voll auszureifen. „Einigen Weinen aus diesen Regionen merkt man den Mangel an Reife geradezu an - sie sind einfach trocken am Gaumen. Dem können die Erzeuger nur mit intelligenten Blends entgegenwirken“, berichtet Quarin.
Nach dem trockenen, teilweisen heißen Frühjahr und Trockenheit bis in den Sommermonat Juli fiel just zum Beginn der Reifephase doch etwas mehr Regen als im Durchschnitt, jedoch je nach AOC völlig unterschiedlich. In den Appellationen südlich von Bordeaux, im Gebiet von Graves und Sauternes regnete es mehr als in den nördlichen Gebieten wie in Médoc oder im Osten um Libournais. „Diese Abweichungen machen auch wiederum die Unterschiede in den Weinen aus“, meint Quarin.
„Was man in Bordeaux braucht ist ein ausgeglichenes Wetter im August, was unerlässlich ist für die Struktur der Weine am Gaumen“, sagt Quarin. Mit 80 mm Regen, statt üblichen 60 mm war der August in diesem Jahr doch feuchter als im Mittel, aber dennoch einigermaßen warm. „Dieser Zustand sagte mir, dass die Weine sich weder reich noch voll am Gaumen präsentieren würden, sondern eher linear und angehoben“, meint Qarin. Als der September dann näher rückte fragen sich die Erzeuger in Bordeaux, ob der Erntemonat es schaffen könnte, eine überzeugende Verbindung zum Ziel zu führen.
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Dann traf am 1. September ein heftiges Gewitter die gesamte Region. Rund 80 mm Regen brasselte in wenige Stunden auf die Anbaugebiete rund um Bordeaux. In Saint-Estèphe und in Teilen von Saint-Emilion entwickelte sich das Gewitter zu einem Hagelsturm und hinterließ eine Trümmerlandschaft in den Anlagen von Cos d´Estournel, Montrose, Cos Labory, De Pez und Le Crock.
„Derartige Wassermengen so nah an dem Erntezeitpunkt machten vielen Erzeugern große Sorgen und manche begannen schon am 5. September die Ernte ihrer roten Sorten“, berichtet Quarin. Aber ab dem 10. September setze wieder sonniges Wetter ein und belohnte die, die sich für eine spätere Ernte entschlossen hatten.
Die Haupternte begann dann ab dem 15. September mit weniger Stress in den Weinbergen. Trotz durchwachsenem Wetter konnten die kühlen Nächte im Erntemonat den Grauschimmel in Schach halten. Dennoch kam es auf das Schlüsselwort „Sortierung“ an. Beeren mit ungleichmäßiger Färbung, oder graue mit Fäulnis befallene Beeren mussten rücksichtslos aussortiert werden. "Eine Sortierung noch nie gekannten Ausmaßes war oberste Pflicht“, sagt Quarin.
„Letztlich schaffte der September, als idealer letzter Entwicklungsmonat für die Beeren, nicht den Ausgleich für den problematischen August so wie es im September der Jahre 2002, 2004, 2007 und 2008 der Fall war", berichtet Quarin. Auffallend waren auch die starken Unterschiede der Erntezeiten einzelner Appellationen und Parzellen. "Während einige schon ihre Werkzeuge wegpackten, so wie in Barsac, hatten andere in Saint-Emilion noch nicht einmal ihre Merlot-Trauben begonnen zu ernten. Ein Novum in Bordeaux", berichtet Quarin.
Und wenn wir nun wissen, dass das Vegetationsjahr 2011 in Bordeaux kein Paradebeispiel abgibt, um das Zeug für einen großen Jahrgang zu geben, war es dennoch selten so schwierig Prognosen abzugeben. Wie 2011 nun in der Flasche zu bewerten ist, wird uns Quarin im zweiten Teil berichten. (jm.quarin - red.yoopress)






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