Ohne Frage befindet sich der Weinhandel in Bordeaux in einer schwierigen Phase. Manche zögern sogar nicht und vergleichen die aktuelle Situation mit der Krise 1972/73. Gemeint sind damit vor allem das in 2011 gesunkene Handelsvolumen von minus 20 Prozent, in 2009 waren es auch schon minus 10 Prozent.
Angesichts dieses düsteren Marktes können sich die Negociants dem Preisdiktat der Châteaux kaum verweigern, zumal sie auch um ihre zukünftigen, bereits vereinbarten Volumen, fürchten müssen. Um aber Oberwasser zu behalten, streichen viele der Händler ihre Margen auf ein Minimum und verkaufen unter dem empfohlenen Preis. Dies hat natürlich wiederum Auswirkung auf die Händler, die den vereinbarten Konditionen treu bleiben wollen. Ergebnis: Die Preise sind völlig desorganisiert.
Der Verfall des Euro auf dem internationalen Markt ermutigt die Konsumenten nicht zu investieren. Warum jetzt kaufen, wenn doch sicher ist, dass der Euro weiter fällt? Die VINEXPO in Hongkong hat dann auch nicht die Initialzündung gebracht, auf die der Handel so große Hoffnungen gesetzt hat. In diesem Kontext fällt es dem Handel schwer zu verstehen, wie das passieren konnte. Der Markt befindet sich praktisch im Stillstand und nichts deutet momentan darauf hin, dass er sich durch Niedrigpreise kurzfristig wieder beleben wird.
Aber ja, es gibt da auch Ausnahmen. Ich denke dabei an die „Coups de Coeur“, also an die Weine, die allein für den Genuss gekauft werden und nicht zur Investition. Wir werden wohl abwarten müssen, bis wir den aufkeimenden Jahrgang 2012 näher kennen, um über den Jahrgang 2011 ein klareres Bild zu erhalten. Dabei würde ein bescheidener 2012er dem 2011er zu einem extravaganten Jahrgang verhelfen - zu mindestens vorübergehend - wir werden sehen.
WEINHANDEL UND QUARINS BEWERTUNGEN
Manche Leser meines Blogs äußern mir gegenüber die Besorgnis, dass viele Händler meine Bewertungen nicht führen, obwohl diese dort für den Handel in französischer und englischer Sprache auf Anfrage abrufbar sind. Eine Erklärung, warum man meine Bewertungen hin und wieder zurückhält, lieferte mir ein Gespräch bei einer der letzten Verkostungen. Ein Teilnehmer fragte den Besitzer eines Château: „Warum listen Sie auf ihrer Broschüre nur die Bewertungen des Decanter und nicht die von Jean-Marc Quarin?“ - Die Antwort: „Nun ja, die Bewertungen von Jean-Marc Quarin haben zugegeben einen größeren Einfluss auf unseren Umsatz, aber die Bewertungen des Decanter sind besser für das Image.“
2009 CONTRA 2010
Erneut habe ich die Jahrgänge 2009 und 2010 vergleichen können. Dabei kann ich wiederum bestätigen, dass der 2010er den 2009er Jahrgang oftmals überstrahlt. Der Bordeaux aus 2010 ist detaillierter und frischer in der Nase. Und selbst wenn er fett wirkt, zeigen sich die Weine weniger schlaff in der Mitte des Gaumens und verfügen über mehr raffinierte Tannine. Dies bemerke ich vor allem bei den Basisweinen des Cabernet Sauvignon.
Mit einem Satz: Der 2010er Jahrgang ist ein typischer Bordeaux, der auch gelagert schöne Überraschungen für uns bereithält. (jm.quarin)





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