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PORTRAITS

Zwei sportliche Frauen, ein Wein – und der Mont Blanc als Untertan
Erschöpft von der Anstrengung aber glücklich am Ziel: Gitta Grobert und ihre französische Freundin Marie Bernadette Cals. Im Gepäck haben die Beiden das Cuvée Mont Blanc 4810, der auf dem Gipfel so völlig anders schmeckt als in den Kellern des Collegium Wirtemberg. (Foto © berggefuehl.de)

DEUTSCHLAND (Stuttgart) – An einem Abend im November 2017 erinnerte eine lange Schlange am Eingang der Uhlbacher Kelter fast an das typische Anstehen vor dem Lenin-Mausoleum in Moskau. Die gastgebende Genossenschaft Collegium Wirtemberg Stuttgart hatte allerdings auch etwas Besonderes zu bieten, zwar keinen einbalsamierten Revoluzzer, der vor 100 Jahren die Weltordnung veränderte, dafür aber zwei sportliche Frauen, die am 8. Juli 2017 etwas Revolutionäres vollbracht hatten: Sie waren mit Wein und noblen Gläsern bewaffnet gemeinsam auf den Mont Blanc geklettert, den höchsten Berg der Alpen, und hatten ihn sich für kurze Zeit untertan gemacht.

 

Ein paar Monate später wollten sie unter dem Motto „Wein, Kultur, Unterhaltung“ über die Erlebnisse von „zwei Frauen im Höhenrausch“ Bericht erstatten. Das Thema lockte viel mehr Interessenten an als erwartet, sodass Gitta Grobert und ihre französische Freundin Marie Bernadette Cals mit dem Start ihres Vortrages warten mussten, bis alle Besucher Einlass gefunden hatten. Das Besondere: Die beiden Damen haben vor ihrer Altersangabe schon eine „5“ stehen, sind also keine jugendlichen Fohlen mehr. Und die Gipfelstürmerei ist eigentlich mehr eine Sache des männlichen Geschlechts. Außerdem war es spannend, zu erfahren, welche Rolle der Wein bei diesem Aufstieg auf den 4.810 Meter hohen Bergriesen spielte. 

Doch blicken wir zunächst mal in die Geschichte des zu Frankreich gehörenden Berges (obwohl die Italiener gern die Spitze für sich in Anspruch nehmen). Er wurde im 18. Jahrhundert noch als „verflucht“ bezeichnet; in seinen Gletschern wurden Drachen und Geister vermutet. Als er nach vergeblichen Anläufen im August 1786 erstmals bezwungen wurde, galt das als „Geburtsstunde des modernen Alpinismus“ und die Angst vor bösen Geistern wurde von zunehmendem Ehrgeiz weiterer Bergsteiger abgelöst. Bald waren Frauen mit im Spiel. 1808 empfand eine Marie Paradis Gipfelglück, aber sie wurde auf dem Weg dorthin teilweise von Männern getragen, also eine nicht ganz regelgerechte Besteigung. Eine bereits professionelle, gut ausgerüstete Bergsteigerin war dagegen Henriette d’Angeville, die 1838 dünne Höhenluft atmete und mit Unterstützung eines größeren Teams ganz oben ankam. Begleitet wurde sie außerdem von zwei Hammelkeulen, 24 Hühnern, 18 Flaschen Rotwein, einem Fass Weißwein und vielem mehr. Ob ganz oben Wein getrunken wurde, ist nicht überliefert.

Als Gitta und Marie, zwei selbstständige Frauen, die im Marketing tätig, gern sportlich unterwegs und – so Gitta Grobert – „chronisch neugierig“ sind, erstmals im Jahr 2015 darüber sprachen, dass der Mont Blanc für sie die richtige Herausforderung sei, war Wein noch kein Thema. Dafür war reichlich Training angesagt, mit vielen Kletterübungen in den Bergen und in entsprechenden Übungsstätten. Bei solchen Aktivitäten hatten sich die beiden 2014 kennengelernt und Freundschaft geschlossen. In die Vorbereitungen für den Aufstieg auf den Alpengipfel wurde viel Zeit investiert. Die „liebevollen“ Kommentare aus dem Verwandten- und Freundeskreis mit dem Tenor „Ihr seid wohl verrückt“ wurden ignoriert. Trainiert wurde oft am Abend, weil untertags die normale Arbeit erledigt werden musste. Ein bergkundiger Führer wurde gefunden. Im September 2016 war der Aufstieg geplant. Aber er musste kurzfristig wegen eines Wetterumschwungs wieder abgesagt werden und konnte erst für 2017 erneut in Angriff genommen werden. 

Beim Training nutzte man im Frühjahr 2017 die Möglichkeiten in den steilen Wein-Arealen des Stuttgarter Stadtteils Rotenberg und lernte dabei einen jungen Weingärtner kennen, der zwar Weinbau in Geisenheim studiert hatte, aber trotzdem seinen Ertrag bei der örtlichen Genossenschaft Collegium Wirtemberg ablieferte, weil er sich hier mit seinen vier Hektar aufgrund der Qualitätspolitik der Kooperative gut aufgehoben fühlt. Im Gespräch mit Mathieu Bubeck, 27, entstand die Idee, einen Wein zu kreieren, der dem Mont Blanc nachempfunden ist. Jetzt musste nur noch der Chef der Genossenschaft überzeugt werden. 

Martin Kurrle ist indes ein Mensch, der gern unkonventionelle Wege beschreitet. Es bedurfte keiner großen Überredungskunst, ihn von der eigenwilligen Idee zu überzeugen. Auch mit den gewünschten Kriterien für den Wein konnte er sich schnell abfinden. Gefunden wurde nach einigen Versuchen eine Kombination aus Riesling (dessen animierende Säure soll für die Herausforderung am Berg stehen) und Chardonnay (seine weiche, zugleich kräftige, wuchtige Art passt bestens zur mal schroffen, mal sanften Gipfelkuppe). Da zwei Marketingfrauen im Spiel waren, durfte der Wein kein gewöhnliches Etikett tragen. So steht „4810“ groß auf der Flasche, untermalt mit dunklem Felshintergrund, auf dem die Route eingezeichnet ist. Eine Medaille zeigt das Datum der Erstbesteigung. 

Rechtzeitig vor dem zweiten Anlauf im Juli 2017 war der Wein abgefüllt und konnte das weibliche Duo mit männlichem Bergführer auf dem schwierigen, teilweise eisigen Weg mit stürmischer „Begleitmusik“ im Finale zum Gipfel begleiten. Kurz davor musste Marie, geplagt von Schüttelfrösten, in einer Nothütte vor den letzten Metern passen. So konnten nur Gitta und „Scout“ Andreas Peisser aus Nobelgläsern des Herstellers Zaltho (!) feststellen, dass der Wein ganz anders schmeckte als im Tal. „Die Säure war sehr dominant“, wurde registriert. Bald darauf bekam Marie ein kleines Stück weiter unten ihre Kostprobe und war schnell wieder fit für den Abstieg. Im Tal angekommen, waren alle froh, dass es geklappt hatte. Schließlich gilt der Mont Blanc nach einer Unfallstatistik als der gefährlichste Berg der Alpen; wenige Wochen nach der Besteigung durch die unverwüstlichen Damen erfroren zwei badische Bergsteiger in dem Felsmassiv …

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Der Wein, dessen Trauben auf den Fluren von Stuttgart Rotenberg von Geisenheim-Student und Jungwinzer Mathieu Bubeck geerrntet wurden und im Keller des Collegium Wirtemberg ausgebaut wurde, ist ein Cuvée aus Riesling und Chardonnay. (Foto © berggefuehl.de)
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Die sportlichen Frauen, nahe bei Stuttgart (Gitta) und in der Landeshauptstadt (Marie) zu Hause, wussten von dem Risiko. Deshalb hatten sie auch eine Route gewählt, die als weniger gefährlich gilt. Sie wollten sich mit ihrer Tour natürlich selbst beweisen, nach dem Motto: „Wir gehören noch längst nicht zum alten Eisen.“ Aber sie wollten auch weitergeben, dass es lohnend sein kann, die Bergwelt zu genießen, und dass Frauen davon nicht ausgeschlossen sein müssen. „Solche Höhen sind eigentlich eine Männerdomäne“, weiß Gitta Grobert. „Doch Frauen können dafür ebenfalls geschaffen sein.“

Unter den Gästen bei ihrem unterhaltsamen Vortrag in Uhlbach waren jede Menge Frauen. Mal sehen, ob jemand den beiden Gipfelstürmerinnen nacheifern wird. Der 511 Meter hohe Birkenkopf in Stuttgart-West könnte eine erste Etappe sein. Als Doping erlaubt ist ein Schluck der weißen Cuvée „4810“. Den Wein gibt es beim Collegium Wirtemberg allerdings nur im 4er-Pack für exakt 48,10 Euro, die der Qualität angemessen sind. (rudolf.knoll)
 

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