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La Vialla – Toskana-Träume und ihre Erfüllung

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20:18
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PORTRAITS

La Vialla – Toskana-Träume und ihre Erfüllung
Fattoria La Vialla, eingebette in die sanfte Hügellandschaft der Toskana. (© La Vialla)

ITALIEN (Toskana) – Zugegeben, zuerst war ich misstrauisch wegen etwas viel Bio und „corporate design“: das grobe Packpapier, die runde Kinderschrift auf allen Seiten des bunten Informationsmaterials, die vielen lachenden Gesichter, das erkennbare Bemühen, Bilder von einer heilen ländlichen Welt in der von vielen Deutschen oft unkritisch geliebten Toskana zu liefern. Das sah nach dem gezielten Erfüllen von Sehnsüchten und einem überaus effizienten Marketing-Konzept aus. Und im Hintergrund die Fotos der bestfrisierten, fröhlichen, angeblich weinbauenden Brüder Lo Franco in gutgeschnittenen hellen oder von butcherstripes gezierten Hemden.

 

Dennoch: die wiederholten Erfolge des Betriebs bei Wettbewerben wie dem Mundus Vini Biofach, bei der dicht besetzten Internationalen Wine & Spirit Competition (IWSC) in London und bei Verkostungen der kritischen Kollegen vom Decanter gaben zu denken. Und die Sortimentspreise ebenfalls. Misstrauen ist zwar oft ein guter Ratgeber, gerade, wenn etwas Trendiges verkauft werden soll, um möglichst viel Geld zu machen. Aber hinter intensiven Image-Kampagnen stehen, wie mich meine langjährigen Bemühungen auf dem Feld des verkostenden Unterscheidens zwischen Schein und Sein gelehrt haben, oft keine guten Weine. Eher das einem angenommenen „Mainstream“ entsprechende, möglichst risikolose Gegenteil ohne Ecken, Kanten und eigene Persönlichkeit. 

Blieb also nur eines: ein paar Flaschen ordern, um sich einen Überblick zu verschaffen (etwas toskanisches Mandelgebäck kam trotz gewisser Vorbehalte auch dazu). Der Gesamtpreis auf der Rechnung hielt sich in sehr angenehmen Grenzen. Erst recht in Anbetracht des klingenden Titels eines „Italian Wine Producer of the Year 2016“ bei der IWSC. Normalerweise führen solche Auszeichnungen ja zu einem im Rahmen der Marktwirtschaft durchaus nachvollziehbaren Anziehen der Preise.

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Eine Auswahl der verkosteten Weine. ((© Dr. Stefan Krimm)
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Erstes Ergebnis nach einer Blindprobe mit italienischen Vergleichsweinen war eine Weihnachts-Empfehlung für die „Weinfeder“, eine Art Zentralorgan der deutschen Weinjournalisten und –publizisten. Und zwar in der ziemlich schwierigen Kategorie der Weißweine unter 10 €! Das verlangte nach einer Ausweitung der Kampfzone, sprich: einer etwas umfänglicheren Degustation.

Bei La Vialla handelt es sich um eine biodynamisch bewirtschaftete, über 1500 ha umfassende Fattoria nordwestlich von Arezzo mit Ablegern bis Sizilien und ins Veneto. Hergestellt wird nicht nur Wein (ca. 120 ha Rebland), sondern das Sortiment umfasst auch Oliven, Käse, Nudeln und Gebäck. Die selbstgewählte Bezeichnung „größter Bio-Bauernhof der Toskana“ überspielt etwas die Tatsache, dass mit der Flächenangabe mehr als 1500 Fußballfelder gemeint sind, während übliche Bauernhöfe meist zwischen 5 und 50 ha Fläche bewirtschaften und ganze fränkische Dorffluren nicht größer als 300 bis 500 ha sind. Es handelt sich also um einen - hervorragend organisierten - Großbetrieb, in dem kaum etwas dem auf dem Land sonst nicht ganz unüblichen Zufall überlassen bleibt. Das gilt auch für den Vertrieb, der, abgesehen von dem mehr dem Erlebnis-Shopping dienenden großen Stützpunkt der „Speisekammer der Fattoria La Vialla“ in Frankfurt“, im konsequenten kostensparenden Direktabsatz erfolgt. 

Gegründet wurde das Unternehmen 1978 von Piero und Giuliana Lo Franco, den Eltern der heute die geschäftliche Verantwortung tragenden Brüder Gianni (geb. 1969), Antonio (geb. 1971) und Bandino (geb. 1976). Die Entscheidung für den Weinbau im großen Stil war mutig: das Gebiet um Arezzo, 80 km südöstlich von Florenz und 40 km nördlich des Lago Trasimeno, kann sich mit den weiter südlich und westlich gelegenen berühmten Gebieten um Montalcino, Montepulciano und Bolgheri sowie der in den letzten beiden Jahrzehnten kometengleich aufgestiegenen Maremma nicht vergleichen. Hier wurde immer, und meist zum Eigenbedarf, Landwein produziert. Was allerdings auch bedeutete, dass ein Großteil der Böden ziemlich „jungfräulich“ blieb, weil sich der Einsatz der gerade im Weinbau lange intensiv eingesetzten Großchemie angesichts der erzielbaren Marktpreise meist nicht gelohnt hätte. Schon in den 80er Jahren entschloss sich die ganze Familie für den Aufbau einer großen Fattoria, zu der neben dem Rebland auch Flächen für Getreide und Viehzucht gehören sollten. Das Land war wegen der mit dem Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg und der Industrialisierung seit den 60er Jahren einsetzenden Landflucht nicht teuer. Wer, wie die in der Textilindustrie erfolgreichen Eltern Vialla, die finanziellen Mittel hatte, konnte sich sehr günstig eindecken. Allerdings erwarb man dabei meist auch Ruinen – von Höfen und von halben oder ganzen Dörfern. Das hieß: viel Arbeit, hohe Investitionen, ein nicht unbeträchtliches Risiko und einen langen Atem, bis sich der überall im Wirtschaftsleben naturgemäß angestrebte „return on investment“ einstellte. Und man musste, was die Höhe der Löhne anging, einigermaßen konkurrenzfähig bleiben, sonst ging die junge leistungsfähige Generation eben vollends an die „from nine to five“ arbeitende Konkurrenz der Fabriken und Büros in den Städten verloren.

Kurz gesagt: das 1978 mit der Absicht der Schaffung einer Ferienresidenz für die Familie begonnene Abenteuer ging nicht schief, sondern es wurde zu einem großen, für die Arbeitsplatzstruktur der ganzen Region bedeutsamen Erfolg, der mittlerweile auch etliche, meist schon im Winter vor der Saison vermietete urige Ferienhäuser umfasst. Deren Gäste, wie ich in persönlichen Gesprächen feststellen konnte, häufig zu begeisterten Werbeträgern für La Vialla werden.

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Wenbergsidylle – wilde Gräser und Wiesenblumen. (© La Vialla)
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Geboten werden ihnen nämlich nicht einfach nur Wein und andere landwirtschaftliche Produkte, sondern ländliche Urlaubsfreuden, die gerade in Deutschland so gesuchte „Authentizität“, Gastfreundschaft, Gemeinschaft und „Selbstverwirklichung“ - bis hin zur mehr oder weniger effizienten Mithilfe zur Zeit der Lese oder der Olivenernte. Die Realisierung von Träumen gewissermaßen, wie sie u.a. in der Zigarettenindustrie mit dem kernigen Marlboro-Cowboy oder dem barfuß auftretenden Gauloises-Raucher für die „unangepasst-lockere“, sich „intellektuell“ fühlende reifere Jugend als Instrument der Absatzsteigerung erkannt und genutzt wurde. 

Beim Wein gehört – von der Wachau über die Pfalz bis in den französischen Südwesten - immer auch die als fester Halt fungierende Familie samt engagierten, glücklichen Mitarbeitern dazu. Hier heißt es nicht „sex sells“, sondern „values sell“, das meint Wärme, überschaubare Verhältnisse, gegenseitiges Vertrauen und - am besten „alles wie früher“. Auch das gehört bei La Vialla zum erfolgreichen Gesamtkonzept. Dazu freilaufende Hühner, lange Tafeln mit karierten Tischdecken, gemeinsame Mahlzeiten, Feste und Feiern. Nicht zu vergessen aber auch die ernsthafte, zielorientierte Zusammenarbeit mit den Universitäten Pisa und Florenz, die Suche nach alten Reben und ihre Vermehrung, die weitgehend geschlossenen, auf Abfallvermeidung ausgerichteten Kreisläufe, die intensive Förderung der Biodiversität. Und „natürlich“, als Basis aller Bemühungen, die mit großer Ernsthaftigkeit betriebene Biodynamie mit ihrer Beachtung kosmischer Zyklen, den mit Mist gefüllten, über den Winter vergrabenen Kuhhörnern, den winzigen Mengen von „Aktivatoren“ pro Hektar, der Kräuterasche, dem Verzicht auf Reinzuchthefen und der radikalen Verminderung der Schwefelbeigaben zur Stabilisierung der Weine. Alles genauestens überwacht und weitestgehend von „Demeter“ zertifiziert. 

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Konsequente Biodynamie – vergrabene Kuhhörner – alles von Demeter zertifiziert. (© La Vialla)
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Man könnte von einem Großbetrieb des guten Willens und der Umweltverträglichkeit reden, das sind an und für sich schon begrüßenswerte, in der Biodynamie bisweilen schon mit fast religiösem Eifer verfolgte Ziele. Aber, wie auch immer, beim Wein siegt am Ende über eventuell ideologisch begründete Rücksichten doch die Qualität. Für die ist auf La Vialla der angesehene Önologe Marco Cervellera verantwortlich. 

Und um sie ging es auch in der im Folgenden skizzierten Verkostung.

2016 Torbolino Bianco di Toscana IGT (13,5 %) 
(50 % Chardonnay, 30 % Viognier, 10 % Sauvignon Blanc, 10 % Traminer)
Erinnert farblich wie geschmacklich fast an einen Orange-Wein, aber ohne jede Oxidation. Im vielschichtigen Duft ausgeprägte Quitten-Aromen und tropische Früchte; auch am Gaumen eine ganze Palette von Eindrücken, nussig unterlegt und gut abgestimmt mit feinen Grapefruit-Bitternoten; schöner Körper, langer Nachhall. 
15,5/20 – (6,10 €/Fl.)

2015 Casa Conforto Chianti Superiore DOCG (14 %)
(90 % Sangiovese, 10 % Canaiolo) 
Bemerkenswert frischer, dunkler und eleganter Wein mit Waldbeeren-Aromen, der mit früheren säuerlichen Toskanern dieser Klasse nichts gemein hat und eher an einen Côtes-du-Rhône Villages d'autant erinnert. 13,5 % reichen absolut und zu diesem Preis gibt es nicht viel Konkurrenz!
16/20 – (6,35 €/Fl.)

2013 Podere La Casotta Rosso di Toscana IGT (14 %)
(30 % Pugnitello, 30 % Malvasia Nera, 20 % Aleatico, 10 % Colorino, 10 % Sangiovese)
Tiefdunkles Braunrot; kultivierte Waldbeeren-Aromen mit leicht animalischen Anklängen, etwas Tabak und recht gut eingebundenem Holz; am Gaumen viel frische Schwarzkirsche mit einem Hauch von Schattenmorelle und einer Spur Passito-artiger Süße, Biss und Spiel, klare, pure Frucht, geschliffene Tannine, sehr langer Nachhall mit feinen Bitternoten 
16,5/20 – (20,50 €/Fl.)

2015 Leccio Moro Montecucco DOC (14,5 %)
(90 % Sangiovese Grosso, 10 % Merlot)
Kräftiges Rubinrot; recht intensiver, leicht rauchiger Duft nach Waldbeeren mit einem Hauch von Deckblatt; am Gaumen kraftvoll und dicht, geschliffene Frucht, Ahnung von Bitterschokolade, schönes Spiel, noch zurückhaltend, aber mit gutem Entwicklungspotential, langer Nachhall mit feinen Tabak-Anklängen
16/20 – (7,25 €/Fl.)

2014 Casal Duro Rosso di Toscana IGT (14 %)
(60 % Sangiovese, 25 % Cabernet Sauvignon, 15 % Merlot)
Kräftiges Purpurrot, schmaler Rand; würzige, leicht kräuterige Aromen von Waldbeeren, Kirsche und Tabak; am Gaumen recht reif und weich, intensive Waldbeeren-Aromen, feiner kirschiger Biss, guter Schliff, mittlerer Körper, langer, aber etwas bitterer Nachhall   
15,5/20 – (13,50 €/Fl.)

2016 Casa Conforto Chianti Superiore DOCG (13,5 %)
(90 % Sangiovese, 10 % Canaiolo)
Kräftiges Rubinrot; Aromen von Kirsche und Veilchen, unterlegt mit einer Spur Deckblatt, feine Süße; am Gaumen saftig mit viel Frucht und gutem Schliff; kräftige feinbittere, etwas trockene Tannine, guter Körper, recht langer Nachhall 
15,5/20    (6,35 €/Fl.)

2016 Vino Rosso da Uve Sangiovese Toscana IGT (13,5 %)
(100 % Sangiovese)
Kräftiges, dunkles Rubinrot; Duft nach Kirsche, unterlegt mit einer Spur Veilchen und Deckblatt; im Mund eigenständig und straff: Kirsche und trockenes Holz, schöner knackiger Biss, guter Körper, feinbittere Tannine, recht langer Nachhall 
15,5/20 – (6,75 €/Fl.)

2016 Lo Chiffon Spumante brut nature non filtrato (12,5 %)
(40 % Pinot Nero, 40 % Chardonnay, 20 % Trebbiano)
Mutig: ein ungefilterter Sekt mit enormem Feinhefe-Depot! Gedeckte Farbe wie frischer ungefilterter Apfelsaft; Duft nach Äpfeln, Apfelmus, Zitrus und einem Hauch Vanillezucker; am Gaumen bei ein wenig an Grapefruit erinnernder leicht bitterere Frische mit vegetabilen Noten Anklänge an feines Apfelmus. Eigenständig und pur, feine Perle, relativ langer, etwas bitterer Nachhall. 
15,5/20 – (9,60 €/Fl.)

2012 Cuvée 2 Metodo Classico Extra Brut (12,5 %)
(100 % Pinot Nero) 
Klares Weißgold; im Duft feine, mandelig unterlegte Apfel-, Quitte- und Zitrus-Noten mit einer Spur Honig und Pfirsich; am Gaumen frisch, lebhaft, nuanciert und elegant; pur und präzise, feine Perle, schöner Nachhall 
16,5/20 – (20,50 €/Fl.)

2010 Occhio di Pernice Riserva (15 %)
(80 % Sangiovese, 20 % Trebbiano Toscano)
Tiefe rötliche Bronzefarbe; betörender Duft nach kandierten Quitten und Akazienhonig mit einer Ahnung von süßem Kürbis-Chutney und Schlehen, feine Mineralität, ein Hauch trockene Kräuter; am Gaumen intensive Noten von kandierten Früchten, Honig und etwas Pflaumenhaut, Spiel und Spannung, einnehmender Schmelz, herrliche Politur, überaus langer Nachhall. Ein großer Süßwein!
18/20 – (15 €/Fl. 0,5 l)


Fazit: In der Preisklasse der allermeisten Weine darf man keine Wunder erwarten. Aber La Vialla bietet ein Sortiment an, das ausgespochen hohe Gegenwerte liefert: klare, fruchtige, saubere, ja pure Rosso di Toscana IGT, darunter der bemerkenswerte 2013 Podere La Casotta, und mit dem Torbolino einen feinen, vielschichtigen Weißen, dessen Preis man als kleines Geschenk bezeichnen kann. Entsprechendes gilt in einer ganz anderen Klasse für den exzellenten 2010 Occhio di Pernice Riserva. (stefan.krimm)

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