Menü

Scheurebe – der Traum der Sommeliers

Datum
Uhrzeit
07:30

WEINE & WEINKULTUR

Scheurebe – der Traum der Sommeliers
Ein Paradebeispiel für eine schmackhafte und doch kultivierte, prächtig salzige, mit geschliffenen Konturen versehene, komplex und aristokratisch wirkende, mit einem minzigen mundfüllenden Cassiskern endende Scheurebe. (© Weingut Hans Wirsching)

UK (London) – Des Rieslings hässliche Schwester, ein heidnischer Transvestit aus Riesling und Bukettraube. Das Ergebnis des Scheu-Experiments: "Katzenpisse auf einem Busch von Schwarzen Johannisbeeren." Mit Beschreibungen wie diesen ist es nicht schwer zu erraten – das Mauerblümchen der deutschen Reben. Aber ich muss Ihnen gestehen: Ich verehre dieses ungeliebte, oftmals übersehene Mauerblümchen.

 

Terry Theise, Weinimporteur und Weinautor seit über 30 Jahren, schrieb in seinem Buch (Reading Between the Vines): "Wenn der Riesling das Noble und Gute repräsentiert, so bietet die Scheurebe Schmutz und niederen Spaß … sie nimmt zwar das Essenzielle vom Riesling mit, hinterlässt aber keinen guten Eindruck." Dabei kommt die Scheurebe mit einem fröhlichen Gilbert & Sullivan Chor an Früchten daher, begleitet von herrlicher und spannender Säure und in ihrer besten Ausprägung mit Schichten von feiner Salzigkeit, minzigen Kräutern, Gewürzen und Bodenständigkeit. Unreif geerntet kann die Scheurebe zähnefletschend grün und bitter sein, mit einem Aroma von Katzenpisse. Aber diejenigen, die wissen mit ihr umzugehen, können die Scheurebe ebenbürtig dem Riesling gegenüberstellen und das entlang dem gesamten Spektrum zwischen trocken bis edelsüß. Es ist zu begrüßen, dass es mehr und mehr Winzer gibt, die diese Rebsorte ernst nehmen.

Viele vergleichen die Scheurebe mit dem Sauvignon Blanc, andere wiederum mit Aromen von tropischen Früchten wie Mango, Passionsfrucht und Litschi, gepaart mit kühlen Noten von Schwarzer Johannisbeere, Cassis und Grapefruit. Mit diesen Aromen hebt sich die Scheurebe deutlich vom Sauvignon ab. Im Gegensatz zum New World Sauvignon Blanc, der oftmals mit überaus dominanten Aromen daherkommt, ist die Scheurebe leise, sanft und freundlich. Dominierende Aromen machen Spaß, aber nicht in einer rauen Art und Weise, wie es manche Sauvignon Blanc zeigen. Eine Scheurebe ist längst nicht so anstrengend.

Die Leistungsfähigkeit und Vielfalt der Weine aus der Scheurebe zeigt sich oftmals in Begleitung zum Essen. Eine Scheurebe passt in ihrer unprätentiösen Art zu vielen Speisen. Sie scheint auf allen kulinarischen Hochzeiten zu tanzen, denn sie begleitet Spargelgerichte, Fischsoßen, Eierspeisen, Speisen mit Paprika, asiatische Gerichte, thailändische Gerichte und Kombinationen von sauer, süß und scharf auf beste Art und Weise. Die Scheurebe harmoniert zudem auch mit Gerichten bei Verwendung von Kokosnuss, diversen Früchten und Kräutern sowie als Begleiterin von Curry und Süßspeisen. Sie scheut sich auch nicht im wahrsten Sinne des Wortes vor der Begleitung von Asafoetida oder Bockshornklee, Limettensaft oder Palmzucker. Die Scheurebe passt auch bestens zu einem Brathähnchen oder eine Scheibe Toast mit Pastete. Somit ist die Scheurebe sicherlich der Traum eines jeden Sommeliers.

Es war der deutsche Rebzüchter Dr. Georg Scheu, dem im Jahr 1916 in der Zuchtanlage im rheinhessischen Alzey aus verschiedenen Sorten, darunter dem Sämling 88 und Riesling, die Kreuzung gelang. Viele Jahre glaubte man, dass auch der Silvaner bei der Kreuzung eine Rolle gespielt habe, doch zwischenzeitlich wurde anhand von DNA-Analysen diese Annahme widerlegt. Als ich hörte, dass die Scheurebe in diesem Jahr ihren 100 Geburtstag feiert, nahm ich dies zum Anlass mit Partyballons zu winken und ein Hurra anzustoßen auf das kühne, hell leuchtende, vermeintliche Mauerblümchen. 

MEINE EMFPEHLUNG:

2015 Scheurebe Iphöfer Kronsberg // VDP.Erste Lage // Alte Reben // Auslese // Weingut Hans Wirsching. 

Die Familie Wirsching führt die Tradition Ihres Weinbaus bis in die 1630er Jahre zurück und wird heute in der 14. Generation geführt. Die Trauben deren Scheurebe, die von Hand geerntet werden, stammen von Reben, die Hans Wirsching im Jahr 1952 erstmals im fränkischen Weinland gepflanzt hat.

Schon die raffinierten und konzentrierten Aromen in der Nase signalisieren eine ernsthafte Scheurebe. Am Gaumen sehr schmackhaft und doch kultiviert, prächtig salzig mit geschliffenen Konturen, komplex und aristokratisch mit einem minzigen mundfüllenden Cassiskern. Diese Scheurebe ist sehr leistungsfähig in Kombination mit Schwertfisch oder Seeteufel, harmoniert mit Chili, mit starken orientalischen Aromen wie frischer Koriander, grünem Paprika oder Kokos. Hervorragend! (Restsüße 5,3 g/l, Säure 7 g/l, Alkohol 13,9 % Vol. – Trinkempfehlung: 2016 – 2020). Meine Wertung: 17/20. (tamlyn.currin)

Kommentare (0)
Anzeige
Werbung =>(Info)
Anzeige
Werbung =>(Info)